Wort zum Sonntag

Ich sehe immer mehr, fuhr Goethe fort, daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist, und daß sie überall und zu allen Zeiten in hunderten und aber hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles.

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 325

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Die Verworrenen und die Geordneten

Novalis

Blüthenstaub

54.

Je verworrener ein Mensch ist, man nennt die Verworrenen oft Dummköpfe, desto mehr kann durch fleißiges Selbststudium aus ihm werden; dahingegen die geordneten Köpfe trachten müssen, wahre Gelehrte, gründliche Encyklopädisten zu werden. Die Verworrenen haben im Anfang mit mächtigen Hindernissen zu kämpfen, sie dringen nur langsam ein, sie lernen mit Mühe arbeiten: dann aber sind sie auch Herrn und Meister auf immer. Der Geordnete kommt geschwind hinein, aber auch geschwind heraus. Er erreicht bald die zweite Stufe; aber da bleibt er auch gewöhnlich stehen. Ihm werden die letzten Schritte beschwerlich, und selten kann er es über sich gewinnen, schon bei einem gewissen Grade von Meisterschaft sich wieder in den Zustand eines Anfängers zu versetzen. Verworrenheit deutet auf Überfluß an Kraft und Vermögen, aber mangelhafte Verhältnisse; Bestimmtheit, auf richtige Verhältnisse, aber sparsames Vermögen und Kraft. Daher ist der Verworrene so progressiv, so perfektibel, dahingegen der Ordentliche so früh als Philister aufhört. Ordnung und Bestimmtheit allein ist nicht Deutlichkeit. Durch Selbstbearbeitung kommt der Verworrene zu jener himmlischen Durchsichtigkeit, zu jener Selbsterleuchtung, die der Geordnete so selten erreicht. Das wahre Genie verbindet diese Extreme. Es teilt die Geschwindigkeit mit dem letzten und die Fülle mit dem ersten.

Inbegriff der Sache

„Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.“

Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).

Vorsicht vor Tiefe

Mit Zurückhaltung muß man vorgehen, wo tiefer Grund zu fürchten ist.

Aus: Balthazar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, aus dessen Werken gezogen (…) und aus dem spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. 2., unveränd. Aufl. Leipzig: Brockhaus, 1871, S. 49 (Aphorismus 78)

Strittig ist mitunter, wieweit man beim „treu und sorgfältig“ Übersetzen mit der Interpretation gehen soll. Muß ich es „verstehen“ und ggf. Mehrdeutigkeiten interpretierend übersetzen? In Gracians Original steht

Conviene nadar con cuidado en aguas que se temen hondas

Er spricht vom Schwimmen in tiefen Wassern. Schopenhauer wechselt vom Wasser aufs Festland. Ich versuche eine fast wörtliche Übersetzung:

Es ist ratsam, vorsichtig zu schwimmen, wo man Tiefe befürchten muß.

In einer englischen Übersetzung, die per e-Mail Aphorismus für Aphorismus verschickt wird, steht

Step cautiously where you suspect depth.

Ich übersetze fröhlich zuspitzend:

Hüte dich vor Tiefe.

Unten das Original und die zitierte englische Übersetzung komplett.

78. Ten cuidado al atreverte. Las necedades siempre sorprenden a todos, pues el necio es audaz en atrevimiento. Su torpeza le impide advertir que desentonará con su conducta, y eso mismo le quita la vergüenza de hacer el ridículo. En cambio, el hombre de cordura entra con gran cuidado. Su escudo es la advertencia y el recato, y va observando y descubriendo lo que hay en el ambiente, para actuar con el mínimo de riesgo. Todo atrevimiento que carezca de reflexión está condenado al despeño, aunque tal vez lo salve el azar venturoso. Conviene nadar con cuidado en aguas que se temen hondas: ve probando poco a poco con sagacidad y ganando terreno con prudencia. Hay grandes confusiones hoy en el trato humano: conviene ir siempre tirando sondas que vayan orientándote.

78. Fools rush in through the door; for folly is always bold. The same simplicity which robs them of all attention to precautions deprives them of all sense of shame at failure. But prudence enters with more deliberation. Its forerunners are caution and care; they advance and discover whether you can also advance without danger. Every rush forward is freed from danger by caution, while fortune some-times helps in such cases. Step cautiously where you suspect depth. Sagacity goes cautiously forward while precaution covers the ground. Nowadays there are unsuspected depths in human. intercourse, you must therefore cast the lead at every step.