Es regnet (2): Erinnerung

Als ich nach Greifswald kam, fand gerade ein „Internationaler Hochschulferienkurs“ statt. Ich befreundete mich innerhalb wenig Tagen mit jungen Leuten aus Dänemark, Frankreich, Jugoslawien, Litauen, England und weiß woher noch. Wir feierten durch die Nächte, es war in der zugeschlossenen DDR immer ein Rausch und ein Hauch von Welt. Einmal spätnachts zitierte eine Französin Verlaine: Il pleut dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es regnet in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich korrigierte: Il pleure dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es weint in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich besaß die zweisprachige Ausgabe von Reclam Leipzig und hatte die Gabe, oft gelesene Gedichte in großer Zahl auswendig zu können, ohne sie lernen zu müssen. Die Französin stutzte und stritt, ich weiß nicht mehr ob wir gewettet haben, Internet stand noch nicht zur Verfügung, am nächsten Tag brachte ich das Büchlein mit. Der Grund für ihre Verwechslung war wahrscheinlich, daß dieses Gedicht mit einem Mottozitat von Rimbaud versehen ist: Il pleut doucement sur la ville (Es regnet sacht auf die Stadt). So fängt es doch mit Il pleut an.

Die Französin übrigens begann zwei oder drei Tage später mir aus dem Weg zu gehen, nicht wegen der Wette und auch sonst. Vermutlich hatte ihr ein deutscher Student gesagt, daß ich in Greifswald unbekannt war, und das hieß damals dort: Stasi („erst zu Beginn des Kurses hier aufgetaucht“)! Diese Veranstaltungen waren hochgradig stasiverseucht, junge Menschen, die unverständliche Gedichte zitieren, sind eine Gefahr für den Staat.

Heute könnte ich aus den Akten beweisen, daß ich nicht Spitzel war, sondern Bespitzelter. Damals gab es keine Chance, auf ungestellte Fragen zu antworten.

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Meine Lieder, meine Träume

Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Rolf Göbner. Übersetzt von Alfred Kurella, Erich Weinert, Hedda Zinner, Hugo Huppert, Iwan Franko, Erwin J. Bach und Hans Rodenberg. Berlin: Verlag der Nation / Verlag Dnipro Kiew, 1987. ISBN  3-373-00190-0
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