Verdammte Jugend

Von Alfred Wolfenstein

Von Hause fort, durch Straßen fort,
Euch unbekannt und jedem Ort,
Nur wie der Himmel rasch und hoch
Durch fremden Lärm und ohne Wort!

Wie schön allein, und dies verwühlt
Und keiner drin, der mich befühlt.
Der voll Verwandtschaft dumm und dicht
In meiner Brust verhaßt sich sühlt!

Hier ist nicht Heim, hier ist es auf,
Nicht Liebe plump, nur Kampf und Kauf!
Ah fließt die Straße strotzend aus
Zu andern ein in riesigem Lauf.

Ah sprüht es schroff pferdlos vorbei
Und brodelt schwarz der Menge Brei
Und Häuser flattern hingepeitscht
Von Licht, Geläut, Gezisch, Geschrei.

Die Steine ziehn in falscher Ruh,
Gehackt vom Schlag des Heers der Schuh,
Den fahlen Köpfen funkeln wund
Von schneller Glut die Lampen zu.

Hier Antlitze wie Tiere fremd
Und Augen wie in Eis geklemmt
Und Augen, die nur sich besehn,
Hier Antlitze, von nichts gehemmt!

Du Gottlose, mein Haupt zerstäub –
Entmenschlichte, mein Herz zerstäub –
Mich ohne Heimat, ohne Weg
Du Straße ja betäub! betäub!

Alfred Wolfenstein
(1883 – 1945), aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Erstausgabe Kurt Pinthus 1919; Rowohlt Verlag, Berlin, 1920

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