An Apollo, den Erfinder der Dichtkunst

Conrad Celtis (1459-1508)

An Apollo, den Erfinder der Dichtkunst,
 daß er aus Italien nach Deutschland kommen möge

Phoebus, der erfunden die holde Lyra,
laß dein teures Heim, Helicon und Pindus,
komm, von Dichtung, wie du sie liebst, gerufen,
     in unsre Lande.

Sieh wie unsre Musen zu dir mit Freuden
eilen, singend süß unter kaltem Himmel.
Unser Land, das roh noch — mit Harfenklängen
     komm und besuch es.

Der Barbar, abstammend von rauhen Kriegern
oder Bauernvolk, der des Römers Künste
noch nicht kennt, er lern unter deiner Führung
     nunmehr die Dichtkunst,

so wie einstmals vor den Pelasgern Orpheus
sang, da wilde Tiere und flinke Hirsche,
ja sogar am Berghang die hohen Bäume
     tanzten zum Liede.

Hast du doch geruht‚ übers Meer zu fahren,
freudig kamst du nach Latium aus Hellas,
deine Musen mit dir, und gnädig lehrtest
     du deine Künste.

Komm, so beten wir, drum zu unsern Küsten,
Wie Italiens Lande du einst besuchtest;
mag Barbarensprache dann fliehn, und alles
     Dunkel verschwinden.

Deutsch von Harry C. Schnur, in: Lateinische Gedichte deutscher Humanisten. Lateinisch-Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2015 (3. Aufl.), S. 55

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Ballade

Ernst Moritz Arndt

Ballade

1809

Und die Sonne machte den weiten Ritt
Um die Welt,
Und die Sternlein sprachen: wir reisen mit
Um die Welt;
Und die Sonne sie schalt sie: ihr bleibt zu Haus,
Den ich brenn‘ euch die goldnen Aeuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt.

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: du, der auf den Wolken thront
In der Nacht,
Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein
Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein.
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond,
In der Nacht,
Ihr verstehet, was still in den Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
In den freundlichen Spielen der Nacht.

Des Deutschen Vaterland

Ernst Moritz Arndt

Des Deutschen Vaterland

1813

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Preußenland, ist’s Schwabenland?
Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist’s, wo am Belt die Möve zieht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Baierland, ist’s Steierland?
Ist’s, wo des Marsen Rind sich streckt?
Ist’s, wo der Märker Eisen reckt?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist’s Pommerland, Westfalenland?
Ist’s, wo der Sand der Dünen weht?
Ist’s, wo die Donau brausend geht?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Ist’s Land der Schweitzer? ist’s Tirol?
Das Land und Volk gefiel mir wohl;
Doch nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
Gewiß, es ist das Oesterreich,
An Ehren und an Siegen reich?
O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein.

Was ist des Deutschen Vaterland?
So nenne mir das große Land!
So weit die deutsche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder singt,
Das soll es sein!
Das, wackrer Deutscher, nenne dein!

Das ist des Deutschen Vaterland,
Wo Eide schwört der Druck der Hand,
Wo Treue hell vom Auge blitzt
Und Liebe warm im Herzen sitzt –
Das soll es sein!
Das, wackrer Deutscher, nenne dein!

Das ist des Deutschen Vaterland,
Wo Zorn vertilgt den wälschen Tand,
Wo jeder Franzmann heißet Feind,
Wo jeder Deutsche heißet Freund –
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein!
O Gott vom Himmel sieh‘ darein,
Und gieb uns rechten deutschen Muth,
Daß wir es lieben treu und gut.
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Lyrics

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Paul Celan

TÜBINGEN, JÄNNER

Zur Blindheit über-
redetete Augen.
Ihre – „ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräch er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)