Kein Greifswalder Autor

Georg Engel wurde am 29. Oktober 1866, heute vor 150 Jahren, in Greifswald geboren. Aber er war kein Greifswalder Schriftsteller. Mit 12 Jahren kam er nach Breslau, später nach Berlin. Er war ein bekannter Berliner Autor und spielte in der Liga „unsere großen Dichter“. Er leitete den „Verband deutscher Erzähler“ und wurde später Präsident des Reichsverbandes des deutschen Schrifttums. Er starb am 19. Oktober 1931 in Berlin. Begraben wurde er mit einer Sondergenehmigung im Elisenhain in Greifswald-Eldena. Aus dem Berliner Literaten wurde ein Heimatschriftsteller. Literaturgeschichte ist lehrreich. Auch vielen zeitgenössischen Berühmtheiten wird es so ergehen. Vielleicht wird Johannes Bobrowski, der in den 60er Jahren Weltruhm hatte, ein ostpreußischer Heimatschriftsteller, in Deutschland, Litauen und Rußland? Günter Grass ein Danziger, Johannes R. Becher, ehemals Kulturminister der DDR, bayrischer Heimatautor.

Vielleicht war sein Wunsch, in Greifswald begraben zu werden, weise Voraussicht?  Nach Machtübernahme durch die Nazis wurde er nämlich ein „jüdischer Autor“. Seine Bücher wurden aus Bibliotheken verbannt, sein Grabstein in Greifswald umgestürzt. Die Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Bachstraße wurde entfernt.

Seine Bücher wurden nicht wieder aufgelegt. Wie in so vielen Fällen auch bei ihm, die meisten von den Nazis verbannten Autoren, auch einige der prominentesten, erlebten kein Comeback. Sie führen ein Nischendasein als verfolgte oder Exil-Autoren.

Nach 1945 wurde der Stein wieder aufgerichtet, eine Straße in der Greifswalder Stadtrandsiedlung benannte man nach ihm. Zum 150. Geburtstag wird es im Falladahaus eine Gedenkveranstaltung geben. Welcome back home!

bildschirmfoto-2016-10-29-um-22-30-27

 
Aus: Greifswalder Universitäts-Taschenbuch 1919

Advertisements

Dichter und Hopsassa

Gustav Sack, ein vergessener Autor, wurde am 28. Oktober 1885 in Schermbeck am Niederrhein geboren. Am 5. Dezember wird es 100 Jahre her sein, daß er im Krieg „gefallen“ ist, irgendwo in Rumänien.

Er studierte ab  1906 in Greifswald, Münster, Halle und später wieder in Münster, anfangs Germanistik, später Biologie und andere Naturwissenschaften. 1910 beendete er sein Studium ohne Abschluss. In Greifswald war er Mitglied der Turnerschaft Cimbria (die ihn aber ausschloß). Seine Werke erschienen postum und machten ihn für eine Zeit berühmt als Vertreter des Frühexpressionismus.

Nicht daß du mich liebst und mich verstehst –
daß du wie Kamoëns Negerknabe
abends für mich betteln gehst,
sei zum dauernden Gedächtnis
ihnen hinters Ohr gerieben
und als erster Reim hierher geschrieben.

Das Hopsassa

Was du nur willst! Dieweil du reimen kannst
und in beliebtem Hopsassa
erzählst was dir zu Leids geschah,
schmähst du auf jeden braven Wanst,
der reimlos seine Wege geht
und von der Narrheit nichts versteht,
die dich, indes er ißt und trinkt,
in schmerzliche Ekstase bringt
und dich ekstatisch hungern läßt.
Er soll dir deine Narrenqualen
etwa mit seinem Gelde zahlen?
Dir ist dein Narrsein ja ein Fest!
So zahle deine Feste selber
und neide nicht voll Prahlerei
und widriger Phantasterei
ihm seine wohlgeratnen Kälber,
du elendiger Hopsassa
und Tschingterassa Bum!

Aus: Gustav Sack: Prosa – Briefe – Verse. Hrsg. Dieter Hoffmann. Albert Langen Georg Müller, 1962

Werke (Auswahl):

  • Ein verbummelter Student. Roman, S. Fischer 1918. (Neuausg. bei Klett-Cotta 1987 (in: Cotta’s Bibliothek der Moderne)
  • Gesammelte Werke. 2 Bände. S. Fischer 1920
  • Niederschläge. Verse von Wolken, Wachsbohnen und eitlen Wünschen. Aus dem Nachlaß hrsg. von Hans Harbeck. Leipzig 1938
  • Die drei Reiter. Gedichte 1913–1914, Ellermann 1958
  • Prosa – Briefe – Verse. Hrsg. Dieter Hoffmann. Albert Langen, Georg Müller, 1962
  • Gustav-Sack-Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Walter Gödden (= Nylands Kleine Westfälische Bibliothek; 2), Köln 2002
  • Armer alter Narrensang. Ausgewählte Gedichte. Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-8680-0
  • Gustav Sack. Gesammelte Werke. Hrsg. v. Walter Gödden und Steffen Stadthaus. Aisthesis, Bielefeld 2011

O du dicker Philosoph

Erasmus von Rotterdam wurde vermutlich am 28. Oktober 1466 (oder 1467/1469) in Rotterdam geboren; er starb am 11./12. Juli 1536 in Basel. Er war ein bedeutender niederländischer Gelehrter und Autor.

Erasmus von Rotterdam

Vertrauliche Gespräche

Gespräch eines Abtes mit einer gebildeten Frau

Antronius: Was sehe ich hier für eine Wohnungseinrichtung?

Magdalia: Ist sie denn nicht geschmackvoll?

Antronius: Wie geschmackvoll, weiß ich nicht; sicherlich wenig passend für eine junge Dame und für eine Hausfrau!

Magdalia: Inwiefern?

Antronius: Weil alles voller Bücher ist.

Magdalia: Hast du in deinem Alter als Abt und Höfling niemals Bücher in den Häusern vornehmer Damen gesehen?

Antronius: Doch, aber in französisch; hier dagegen sehe ich griechische und lateinische.

Magdalia: Vermitteln etwa nur französisch geschriebene Bücher Wissen?

Antronius: Nein, aber für vornehme Damen schickt es sich, etwas zu haben, woran sie sich in ihren Mußestunden erfreuen.

Magdalia: Ist es denn nur vornehmen Damen gestattet, gebildet zu sein und angenehm zu leben?

Antronius: Du bringst zu unrecht Bildung und angenehmes Leben in Zusammenhang: Gebildet zu sein ist nicht Frauensache; Sache vornehmer Damen ist es, ein angenehmes Leben zu führen.

Magdalia: Ist es nicht iedermanns Sache, ein rechtes Leben zu führen?

Antronius: Ja.

Magdalia: Wie kann denn aber einer angenehm leben, der nicht ein rechtes Leben führt?

Antronius: Nein, im Gegenteil: Wie kann denn einer ein angenehmes Leben führen, der rechtschaffen lebt?

Magdalia: Du vertrittst also die, die gewissenlos leben, wenn sie nur ein angenehmes Leben haben? (…) Oh du geistreicher Alter, du dicker Philosoph…

Aus: Der deutsche Renaissance-Humanismus. Abriß und Auswahl von Winfried Trillitzsch. leipzig: Reclam, 1981, S. 195f

Immer komplizierter

Am 26.10. 1880 Neuen Stils (14. nach dem julianischen Kalender) wurde Andrej Bely geboren. 

Stehen geblieben war ich beim Jahr 1912.

Ich fahre fort: lapidar und trocken.

Jedes folgende Jahrsiebt (und jedes Jahrviert darin), das mich der Gegenwart zunehmend näherrückt, scheint mir immer komplizierter. Die Rhythmen sind raffinierter; die Gesamtzeichnung glasperlenfeiner; gelegentlich werden die Glasperlen so fein, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht; es bleibt
nichts anderes übrig als: entweder ungebändigter Realismus und die Berücksichtigung sämtlicher Schraffuren, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen; oder, ganz im Gegenteil, der Rückzug auf erbarmungslose
und daher wenigsagende abstrakte Trockenheit.

Ich bin zu letzterem gezwungen.

Aus: Brief an Iwanow-Rasumnik, 1.-3.3. 1927, in: Andrej Bely: Symbolismus. Anthroposophie. Ein Weg. Texte – Bilder – Daten. Hrsg. Taja Gut. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 1997, S. 143