Venezianische Epigramme 12

Johann Wolfgang Goethe

Erste Fassung, 1790

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen
  Immer schliest sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt sich mein Haupt in ihrem Schoos und ich blicke
  Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» – Schölte mich einer. »Wie so verbringst du die Tage?«
  Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur wie mir geschieht.
Allen meinen Freuden hab ich den Rücken gekehret.
  Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen umher.
Vetturine trozzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer
  Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten
  Postillone sind Herrn! Dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht, du widersprichst dir! du schienest
  Paradiesisch zu ruhn, ganz wie Rinaldo beglückt![«]
Ach ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen
  Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.

Vetturine: Lohnkutscher

Kämmrer: (camariere) Kellner

Meister der Posten: ital. maestro di posta, Postmeister

Dogane: Zollbeamte

Rinaldo: Figur aus Torquato Tassos „Befreites Jerusalem“

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