Thomas Böhme: Zwei Gedichte

KEINE ERSTEN SÄTZE MEHR, sie
machen das Gedicht zur Schnecke
flößen ihm das Gift der Herrscher,
ihren Rhythmus, ihre Ordnung,
erst der Leitwolf, dann die Meute,
traben, traben, Mond anheulen!

Nicht mehr diese schweifgeschmückten
Sätze, eitel wie Kometen,
die auf ihren grellen Bahnen
sich berauschen, Kurtisanen,
denen schafsfromm naachzusteigen
sich bleiche Schwärmer nicht entblöden.

Keine aufgeblasenen Parolen,
die gierig den Refrain begehren,
Reime, Reime, Schneckenschleime,
nicht mehr Namen wie Fanfaren,
_ Jahreszeiten, stolze Orte
und Wappentiere auf entrollten Fahnen.

Thomas Böhme: Nachklang des Feuers. Gedichte 1998-2004.Illustrationen von Gino Hahnemann. Berlin: Galrev, 2005, S. 16

EIN GEDICHT OHNE AUGEN
ist so gut wie gar kein Gedicht,
es sei denn, es ist ein Gedicht
mit Mund aber ohne Augen,
oder es ist ein Gedicht
mit Ohren, wenn schon
ohne Mund oder Augen.

Und ein Gedicht ohne Gesicht
ist nur dann ein Gedicht,
wenn wenigstens Hals oder
Rumpf oder Schultern,
Nabel, Brustwarzen oder das
stolze Geschlecht das Gedicht
zum Gedicht machen.

Und schon gar nicht ist
ein Gedicht ohne Leib und
Gesicht ein Gedicht, wenn nicht
Hand oder Fuß oder Schenkel
es erhöhen. Überhaupt ein Gedicht
Ohne Knie, stell dir vor,
ein Gedicht ohne Knie!

Ebd. S. 17

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