Sinnhinsichten

Poesie ist die Anstrengung, diesen Funktionsvorgang zu durchbrechen und aufzuheben, die Sprache in ihrem Vollzug durch das Subjekt auf sich selbst zu beziehen, ihren Zeichenkörper – Laute, Silben, Wörter, Satzformen usw. – hervortreten und dabei möglicherweise Sinnhinsichten zu erschließen, die anders nicht erreichbar sind, da sie nicht in den konventionellen Bedeutungen und Sinnschemata erfaßt sind.

Franz Mon, aus: An eine Säge denken. In: franz mon: hören ohne aufzuhören. neue texte 26/27, Linz 1982, S. 56

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Rückblick auf die Eisheiligen 2016

An drei Tagen im Mai – in manchen Gegenden an fünf – stehen die „Eisheiligen“ im Kalender. Es sind Mamertus – 11. Mai, Pankratius – 12. Mai, Servatius – 13. Mai, hinzu kommen Bonifatius – 14. Mai und die „Kalte Sophie“ – 15. Mai. Laut alten Bauernregeln kommt es an diesen Tagen zu Kälteeinbrüchen. Nicht immer kommen die exakt an den Kalendertagen, aber sie kommen meistens. Im herberen Vorpommern sowieso. Hier sagt man, daß manchmal die Eisheiligen in die Schafskälte übergehen – Kaltzeit bis Anfang Juni. Anfang Mai hatten wir in diesem Jahr ungewohnt sommerliche Tage. Der Kälteeinbruch der „Eisheiligen“ kam fast pünktlich, jetzt ist es wieder sommerlich warm.

Manche sagen, man muß bei diesen Daten, wenn man sie überhaupt ernst nimmt, die päpstliche Kalenderreform des 16.Jahrhunderts einrechnen. Mit der Einführung des neuen Kalenders wurden 10 Tage übersprungen, um den Kalender wieder an den natürlichen Jahresrhythmus anzupassen. Müßten wir die Eisheiligen oder den Siebenschläfer (27.Juni) also 10 Tage später ansetzen? Ich glaube, das ist ein Denkfehler. Die 10-Tage-Regelwürde nur gelten, wenn es sich um Wetterbeobachtungen zur Zeit der Kalenderreform handelt. Wahrscheinlich sind die den Bauernregeln zugrundeliegenden Wetterbeobachtungen aber viel älter und mittelalterlichen oder antiken Ursprungs. Die gregorianische Reform hat ja unseren Kalender dem Zustand vor 2000 Jahren und damit dem natürlichen Jahreslauf angepaßt.

Ein Gedicht von Bernd Jentzsch, geschrieben in der DDR, gedruckt nach dessen – nicht ganz freiwilliger – „Republikflucht“ 1978 in dem Band „Quartiermachen“ in der Reihe Heyne Lyrik.

Maisingen

In ihrer eisigen Sprache,
Mamertus, Pankratius, Servatius,
Die alten, herzkalten Verderber,
Sie schrecken mich nicht.
Ihre Herrschaft drei Tage.
Keiner herrscht kürzer.

Heimatlos

Max Herrmann-Neiße

Heimatlos

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Bub
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

Heute vor 130 Jahren wurde Max Herrmann geboren, der sich nach seiner schlesischen Geburtsstadt Herrmann-Neiße nannte. Der Erfolgsautor floh 1933 vor seinen Lesern und Nicht-Lesern nach England, wo er 1941 vereinsamt starb. 1945 erschien im Ostberliner Aufbau-Verlag ein Heft mit letzten Gedichten, das schon 1946 in dritter Auflage auf 45.000 Exemplare kam. Darin auch das Gedicht „Heimatlos“.

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Schöne Titel

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Neu zusammen getragener goldener Himmelsschlüssel, oder andächtig-kräftig-und nützliches Gebethbuch durch dessen fleißigen Gebrauch jeder Christ sowohl sich selbsten, als auch den armen Seelen im Fegfeuer den Himmel eröffnen, und aufschliessen kann, enthaltend: Andächtige Morgen- Abend- Meß- Beicht- und Communiongebether: Andachten zu dem hochwürdigen Sakrament : der hochheiligsten Dreyfaltigkeit : zu Christo, seinem bittern Leiden undSterben : zu Maria der unbefleckten Jungfrau, und übergedenedeytesten [sic] Mutter Gottes : zu den Heiligen, sammt derselben Tagzeiten, und Litaneyen : in gemeinen und besondern Nöthen : für Kranke und Sterbende : für die armen Seelen im Fegfeuer : Nebendem, wie die fürnehmere Feste der Kirche zu begehen : Was viele in der Kirche gebräuchliche Sachen ausweisen : Von dem Rosenkranz : heil. Schutzengel : Der Beschluß bestehet in den drey göttl. Tugenden, Glaub, Hoffnung,und Liebe, dann auch vollkommener Reue und Leid, und guter Meynung.
Vom wohlerw. Hrn Gabriel Wünnhardt, Priest.
Mit Sr. churf. Durchl. in Baiern allerg. Privil.
Baierdießen, verlegts von Baab, und von Schorn, Waaren- und Bücherverleger. 1793.
Landsberg, gedruckt bey Joh. Fried. Ott, burgerl. Buchdr.

Bild der Welt

Dieses ist das Bild der Welt,
Die mann für die beste hält,
Fast, wie eine Mördergrube,
Fast, wie eines Burschen Stube,
Fast so, wie ein Opernhauß,
Fast, wie ein Magisterschmauß,
Fast, wie Köpfe von Poeten,
Fast, wie schoene Raritäten,
Fast, wie abgeseztes Geld,
Sieht sie aus die beste Welt.

Goethe an seinem 16. Geburtstag am 28.8.1765 in dasStammbuch seines Freundes Friedrich Maximilian Moors, unterzeichnet:

Goethe
d. s. W. [schönen Wissenschaften] Liebhaber