Verwalter der Geister

Viel reden wir heutzutage zum Beispiel von einer Einengung des Spielraums der Poesie. Ich denke, wir kommen mit unseren Klagen ein bißchen zu spät. Auf der Suche nach der wahrlichen Glanzzeit des Gedichts, des Lieds, des Zauberns müßten wir ja ungefähr bis ins obere Paläolithikum zurück. Da hatten sie es so richtig gut: die Poeten, die Schamanen, die Herbeizauberer des täglichen Fleisches, oder Verwalter der Geister.

Aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. Nachgedichtet von Franz Fühmann. Leipzig: Insel, 1986, S. 78 (Übersetzung dieses Textes Paul Kárpáti)

Wie Religion, Gesetz und Gesang sich verbreiteten

Tibetisches Lied

Wie Religion, Gesetz und Gesang sich verbreiteten

Vom oberen Teil lndiens kam die Religion.
Bevor die Religion sich verbreitete,
kam eine Muschel.
Die weiße Muschel leitete die Religion ein.

Vom unteren Teil Chinas kam das Gesetz.
Bevor das Gesetz sich ausbreitete,
kam eine Flagge.
Die weiße Flagge leitete das Gesetz ein.

Vorn mittleren Ü und Tsang kam der Gesang.
Bevor der Gesang sich ausbreitete,
kam der Tchang
Der gelbliche Tchang leitete den Gesang ein.

Aus: Tibetische Lieder. Gesammelt, übertragen und erläutert von Margret Causemann. Frankfurt/Main: Insel, 1987. (Insel-Bücherei 1039), S. 26

Dennoch schauen

Ágnes Nemes Nagy

Dennoch schauen

Und dennoch schauen, schauen, sagte wer, sobald
der Rauchvorhang es zuläßt, in der spaltgroßen Pause
in diesem Augenblick zwischen dem Rauch, der Säure, dem Ammoniak, den Angriffen,
schauen, weißt du, wie einen Tisch die Form auflösend
gleichzeitig schaun als Platte und Profil
Und tun, weißt du, tun, tun, ich tue unablässig
mein Körper macht Geschichte, macht Biologie
und reflektieren, weißt du, mir ist mein Kopf so merkwürdig, so unvollendbar
die Kugelform, ich weiß gar nicht, warum ich sie so mag,
Augapfel, Schädel, Erdkugel, derlei begrenzt Unendliches
doch diese sind zerrissene Kugeln, Kokosnüsse,
mit dem zerschlagnen Faserhaar der Sterblichkeit rings eingefaßt

Und schaun, von oben, unten, aus allerlei Winkeln
umtasten das Objekt mit etlichen Augen
mit ihnen die Kontur heraushaun, schlämmen, niederreißen
dieweil sie öffnen schließen öffnen sich in ungleichmäßigen Wellenschlägen
und auch heraus aus den Objekten selbst die langsam vielen Blicke
der Höhlungen gewaltige Blicke unwahrnehmbar
in reglosen Seen und Steinen
herauspfeilend als splittrige Lichtzeichen

Wiewohl nichts, sagte wer, helfen diese verstreuten hunderttausend Augen
wiewohl nichts hilft der Biosphäre mich umrauschendes Palmwimpern-Aug,
spröde Äste der Zedern, Fächer Laubs
einiger Jahreszeiten Kratzer
				Himmel Sonne um mich
				ab und auf
schauen obwohls nicht hilft und dennoch schauen

Schaun, weißt du, schaun
wie eine, sagte wer, Narbe am Baum schaut.

Deutsch von Franz Fühmann

Aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. 
Nachgedichtet von Franz Fühmann. Leipzig: Insel, 1986, S. 62f

Ver“gift“et

Ein kurzes Gedicht reicht, um ein wahrhaft vergiftetes Geschenk zu machen. Emily Dickinson #1195 (1871):

Society for me my misery
Since Gift of Thee –

Gunhild Kübler übersetzt:

Elend kommt mir die Gesellschaft vor
Beschenkt mit Dir –

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert u. m.e. Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser Verlag, 2015. 1403 Seiten, 49,90 Euro