wir / wissen ja nicht, / was / gilt

Paul Celan

Zürich, zum Storchen

Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.

Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
liess das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort —

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weisst du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt.

Advertisements

Gelobt seist du, Niemand

Paul Celan

Psalm

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit
dem Griffel seelenhell
dem Staubfaden himmelswüst
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Neubauviertel

Neubauviertel

Mein Hut der hat vier Ecken, vier-
Eckig ist die Gegend hier
Jedes Haus acht Kanten und vier Ecken
Keiner kann sich verstecken
Ich sah eine Frau mit eckigem Hintern
Die kam aus der eckigen Krippe mit eckigen Kindern
Weil die Umweit den Menschen formt
Ist alles genormt
In den üblichen Größen
Viereckige Mösen
Die Männer ziehn auch Ihre Konsequenzen
Mustergatten mit eckigen Schwänzen
Parallele Bewegungen
Der rechte Winkel das Eichmaß der Regungen

(1973)

Karl Mickel: Eisenzeit. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1975, #8