In Parward (3)

Die erste Zeile von François Villons erster Jargonballade lautet in der frühesten Buchausgabe von 1489

A parouart la grant mathegaudie

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

Ausgabe von 1489

Von meinen deutschsprachigen Ausgaben enthalten nur drei die Jargonballaden ganz oder teilweise. Martin Remané (Ostberlin 1964) übersetzt 4 Balladen, Martin Löpelmann 1937 nur eine als Probe, nur die dtv-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ von Carl Fischer übersetzt alle 11. Bei ihm lautet die erste Zeile:

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Für soviel Aufwand so wenig Ertrag? A P., la grant, auch mit geringen Französischkenntnissen versteht man, daß es „In P., der großen“ heißt. Aber warum Parouart? Im vierten Jahrhundert nannte man das antike Lutezia in Parisi um, aber nie hieß die Stadt Parouart. Villon stammte aus Paris, lebte und studierte dort und saß dort im Gefängnis, nahe daran, gehängt zu werden. Löpelmann nennt die Stadt Parward und erklärt, daß es sich um Paris handelt. Auch F1 erklärt nur = Paris. Mehr erfährt man in F2. Parouart sei ein Wortspiel mit dem Namen der Stadt und dem Wort paroir (das im Pons Großwörterbuch fehlt). Mein Bilderduden von 1937 hat als paroir das Bild eines mir unbekannten Geräts, das für Pferdehufe verwendet wird, aber kein deutsches Pendant (Bild).

7 paroir

7 paroir

Émile Littrés Dictionnaire de la langue française (1872-77) gibt weitere Bedeutungen, darunter ein Hammer für Faßmacher, eine Klinge zum Verzinnen, ein Bock zum Aufspannen von Häuten beim Gerben. (Alle diese Handwerke gab es damals in Paris zu beschauen). Tatsächlich sagt F2, parouart suggeriere das „Gerben“ der Gehängten. Paris, ein Ort zum Gerben von Gehängten. Paul Celan fällt einem da ein, Damals, als es noch Galgen gab, da, nicht wahr, gab es ein Oben. Wie bringt man das in ein Wort? Mit dem man zugleich die Stadt Paris benennt? Einfach alles weglassen kann die Lösung nicht sein. Ein Wort hätten wir, genug für eine Sitzung.

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Na, ich weiß nicht…

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey, o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

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