Bienenspäßchen 15

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäischer Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs* in klassischer Metrik.

Vers 15:

illic domum laresque

Deutsch:

Dort sollet Haus und Hof ihr

Katalektischer jambischer Dimeter bzw. Anakreonteus mit Auflösung (sagt Schnur). Ein jambischer Dimeter, von der Sache her 4 Jamben, das wäre für uns akatalektisch (unverkürzt) ein vierhebiger Jambus mit männlicher, katalektisch wie hier aber ein dreihebiger Jambus mit weiblicher Kadenz. Anakreonteus hatten wir bei V. 13 besprochen. Mit Auflösung? Hier stoßen wir, fürchte ich, wieder an die Unvereinbarkeit altgriechischer und neudeutscher Metrik. Ausnahmsweise schließe ich meinem ehemaligen Nachbarn (130 oder 140 Jahre vor mir) Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff an, der in seiner Griechischen Verskunst (1921) schreibt:

Das kommt bei aller mühseligen Sorgfalt heraus: wir alle, der Verfasser nicht ausgenommen, sprechen hier andere Verse, denn eine Auflösung ist nun einmal im Deutschen unmöglich. Und (…) wenn wir willig genug sind, sie zu sprechen, geben sie etwa das Ethos wieder, das sie im Griechischen haben? Für uns sind sie doch unbedingt etwas ganz Seltenes, und da sie entweder auf ihre einzelnen Füße gestellt werden müssen, oder zwei Akzente in ein Wort legen (…) so machen sie den Eindruck stärkster Erregung. Im Originale schweben sie und schwingen sich, wie die Lerche in der Luft mit leichtestem Fittichschlage.

Recht hat er! (Ich erinnere daran, der Exkurs hier dient nur dem Nachvollziehen eines metrischen Spiels des alten Dichters.)

 

*) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich (öffentlich) nehme, nicht gebe!

Bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,
tenerae cives
et seduli coloni
et incolae beati
hortorum redulentium;
gens divino
ebria rore –
agite, o meae volucres, age, gens vaga nemorum,
agite, hinc abite cunctae,
et tumulum magni cingite Lipsiadae.
illic domum laresque

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –
ihr bewohnt, Kleinchen,
und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich
Gärten, welche von Düften schwer.
Volk, von Götter-
taue berauschtes,
mach dich auf, geflügelter Schwarm, der du schweifest im Wald, auf, auf,
machet fort von hier euch alle,
und, wo ein Großer jetzt ruht, Lipsius‘ Hügel umgebt!
Dort sollet Haus und Hof ihr

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