Bienenspäßchen 1

Daniel Heinsius oder Heins (1580-1655) war ein hochberühmter niederländischer Gelehrter und Dichter. Martin Opitz bewunderte ihn und übersetzte ihn, Heinsius wurde so zum Nothelfer der erfolgreichen deutschen Dichtungsreform des Martin Opitz. Selbst die junge Sibylla Schwarz in Greifswald übersetzte mindestens einen von Heinsens Texten.

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht von Heinsius, bei dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe „Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäische Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs in klassischer Metrik.

Die Überschrift: „Lusus ad apiculas“, Schnur übersetzt: Ein Bienenspäßchen.

Vers 1:

Mellificae volucres,

Deutsch:

Honigerzeuger im Flug,

Der Vers ist ein Hemiepes (Hemi-Epes, halber Epenvers):

–uu–uu–

(– steht für Hebung oder lange Silbe, u für Senkung, kurze). Schnur erklärt: 1/2 Pentameter. Duden: „[unvollständiger] halber Hexameter“. Ja wat denn nu, Hexa- oder Penta-? Eigentlich kann man nur den Pentameter halbieren, weil er aus 2 gleichen Hälften besteht, während der Hexameter nie genau in der Mitte teilbar sein darf. Aber ja, wenn er unvollständig (katalektisch) ist, dann gehts wieder zusammen. Bin auf die Wortmeldungen der Experten gespannt.

Beim Suchen nach dem Text von Heinsius bescherte mir Google die Entdeckung, daß es die Formulierung „Mellificae volucres“ bei Theokrit gibt. Oder zu geben scheint, denn der schrieb ja griechisch. 1773 erschien in Leyden, lateinisch Lugdunum Batavorum, bei Ioann. Le Mair eine zweisprachige Ausgabe von 10 Idyllen Theokrits, Griechisch und Latein: Theocriti decem Eidyllia: latinis pleraque numeris a C.A. Wetstenio reddita, in usum auditorum cum notis edidit. Übersetzer war Carol Antoni de Wetstein, Herausgeber Lodewijk Caspar Valckenaer. Die Stelle mit den Bienen heißt Lateinisch:

Bildschirmfoto 2015-07-13 um 18.15.05

Voß übersetzt:

Bildschirmfoto 2015-07-13 um 18.12.04

Bei Wetstein ist „Mellificae volucres“ tatsächlich ein unvollständiger halber Hexameter.

Hat der gelehrte Heinsius an Theokrit gedacht? Wir behalten es im Auge. Morgen mehr!

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Ein Gedanke zu “Bienenspäßchen 1

  1. Marc schreibt:

    Knörrich schreibt: „Antike Bezeichnung für einen halben Hexameter bzw. für einen katalektischen daktylischen Trimeter. Der Pentameter besteht aus zwei Hemiepen.“

    Knörrich, Otto (2005): Lexikon lyrischer Formen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Kröner. (= Kröners Taschenausgabe 479).

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