Schnapstrinker

Karl Krolow

Schnapstrinker

III

Ich zünd den Schnaps in meiner Tasse
Mit einem trocknen Spane an.
Den Leib der fetten Spinne lasse
Ich zischen überm Feuer dann

Und speie in die blaue Flamme.
Sie knistert. Doch sie lischt nicht aus.
Die Ratte huscht mit glatter Wamme,
Schreit aus der Wand im Träumehaus.

Wie ich mit dünnem Finger tunke
Das Brot in den erhitzten Sprit,
Hüpft geisterhaft ein schwacher Funke
Und zehrt von seinem Korne mit,

Das ich mit trägen Bissen kaue,
Den säuerlichen, festen Teig.
Wohin ich auch beim Essen schaue,
Beginnt um mich das Totenreich.

Es winkt mir hinter der Tapete
Verweste Hüfte, Hand aus Lehm.
Der Geist, der Blut und Speichel säte,
Macht sichs an meinem Tisch bequem.

Es kreist die zart gebogne Flasche
Nun lautlos zwischen ihm und mir.
Ich zieh den Tabak aus der Tasche
Und rauche. Und so schweigen wir.

Mit Händen, die vor Schwäche zittern,
Umkralle ich den Flaschenbauch,
Und schlucke mühsam von dem bittern
Getränke, das mich beizt wie Rauch.

Und wie ich mich des Schlafes wehre,
Fühl ich, wie mein Gebein verdorrt,
Mein Stöhnen endet in der Leere. –
Ich such den andern. Er ist fort!

Aus: Karl Krolow: Heimsuchung. Berlin: Volk und Welt, 1948. [Mit einem Geleitwort von Stephan Hemrlin] S. 18f

Karl Krolow wurde heute vor 100 Jahren geboren.

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