Serbo-Chorvatska

Serhij Zhadan

Serbo-Chorvatska

Die junge Serbin geht über die Straße,
am Basar des Herbstes vorbei mit den ausgehängten Waren,
und sieht, in diesem Herbst durchdringt das Gold die Schals, das Gemüse –
die warme Zwiebel zum Beispiel;
von Licht erfüllte Restaurants,
Porträts von Kaisern
an den Wänden.

Die Wärme des Herbstes, sie streift auch dich,
die junge Frau wühlt in ihrem Rucksack,
legt ein Handy, Bleistifte auf den Tisch;
es kommt der Winter,
es kommen die Träume,
aber der Himmel wird jeden Herbst schwerer
und der schlaue Teufel
angelt sich die Sünder
wie fette Datteln
aus bunten Tüten.

Bittere slawische Laute;
sie erzählt, wie sie in der Trafik Umschläge kaufte,
wie sie die U-Bahn betrat
und Tauben um sie aufflatterten wie im Regen;
während sie erzählt, fällt keinem auf, daß die Sonne untergeht,
es fällt nur auf, daß ihre Wangen
ein wenig dunkler werden.

Versuch ihr jetzt zu erklären,
daß die Uhren des Herbstes,
wenn man sie nicht rechtzeitig abnimmt,
einfach überreif werden und
Kleidung und Hände mit ihrem Saft bespritzen,
auf den dann die Wespen fliegen
und dir mit dem Stachel die Haut durchbohren
bis ins Herz.

Serhij Zhadan: Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. Übersetzt von Claudia Dathe. Berlin: Suhrkamp, 2006, S. 18f.

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