Befreiung

Helmut Heißenbüttel über Eugen Gomringer (* 20.1. 1925):

Was ich als Befreiung empfand, läßt sich auch einfach so sagen: man konnte hinschreiben:

"ping pong
      ping pong ping
      pong ping pong
                pong pong"

und das als Gedicht bezeichnen, beziehungsweise als etwas, das dem entsprach, was bis dahin Gedicht geheißen hatte. Eine Abfolge rhythmisch geordneter Silben, kein Lautgedicht, kein Typogramm, einfach diese Silben, die inhaltlich bezogen sein mochten auf das Tischtennisspiel und den Rhythmus, den die aufschlagenden Bälle bei diesem Spiel machten, aber ohne jede symbolische Hintergründigkeit, ohne erläuternden, verinnerlichenden Hinweis, nackt, kahl, sie selbst.

In: eugen gomringer: konstellationen ideogramme stundenbuch. Stuttgart: Reclam, 1977, S. 10.

Eugen Gomringer wurde am 20.1. 1925 in Cachuela Esperanza (Bolivien) geboren und wohnt in Wurlitz bei Hof (Oberfranken).

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Der Tod

Matthias Claudius
Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
   Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
   Und die Stunde schlägt.

Der Mensch

Matthias Claudius

Der Mensch

 Empfangen und genähret
   Vom Weibe wunderbar
 Kömmt er und sieht und höret,
   Und nimmt des Trugs nicht wahr:
 Gelüstet und begehret,
   Und bringt sein Tränlein dar;
 Verachtet, und verehret;
   Hat Freude, und Gefahr;
 Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
   Hält nichts, und alles wahr;
 Erbauet, und zerstöret;
   Und quält sich immerdar;
 Schläft, wachet, wächst, und zehret;
   Trägt braun und graues Haar etc.
 Und alles dieses währet,
   Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
 Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
   Und er kömmt nimmer wieder.

An den Tod

An den Tod
an meinem Geburtstage

Laß mich, Tod, laß mich noch leben! –
Sollt’ ich auch wenig nur nützen,
Werd’ ich doch weniger schaden,
Als die im Fürstenschoß sitzen
Und üble Anschläge geben
Und Völkerfluch auf sich laden;
Als die, die Rechte verdrehen,
Statt nach dem Rechten zu sehen;
Als die, die Buße verkünden,
Und häufen Sünden auf Sünden;
Als die da Kranke zu heilen,
Schädliche Mittel erteilen;
Als die da Kriegern befehlen
Und grausam ihnen befehlen;
Der Helden Kriegskunst nicht nützen,
Um Länder weise zu schützen.
Tod, wenn sich diese nicht bessern,
Nimm sie aus Häusern und Schlössern!
Und wenn du sie nun genommen,
Dann Tod, dann sei mir willkommen.

Matthias Claudius wurde am 15.8.1740 geboren und starb am 21.1.1815.

Hejh, diese Welt

Sandor Petöfi

Hejh, diese Welt

Hejh, diese Welt, wie groß sie ist,
So klein doch du, mein Täubchen bist!
Besäße ich aber Dich, mein Leben,
Ich würde Dich um die Welt nicht geben!

Der Tag bist du, die Nacht bin ich,
Ich fühle voll vom Dunkel mich;
O, flössen unsre Herzen zusammen:
Welch´ Morgenroth müßte daraus entflammen

Dein Auge schlag‘ zu Boden doch,
Denn mir verbrennt es die Seele noch;
Du aber fliehst mich ohne Hehle:
Nun, so verbrenne meine Seele!

1844

Deutsch von K.M. Kertbeny

Aus: Alexander Petöfi’s Dichtungen. Nach dem Ungrischen, in eignen wie fremden Übersetzungen gesammelt von K.M. Kertbeny. Stereotyp-Ausgabe. Berlin: A. Hofmann & Comp., o.J. S. 6