Das Angenehme dieser Welt

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge (Bremer Ausgabe) Bd. 12, München: Luchterhand, 2004, S. 41

Am 7.1. 1811 schrieb August Mayer an seinen Bruder, der „arme Hölderlin“ wolle einen Almanach herausgeben und schreibe dafür „täglich eine Menge Papiers voll“. Aus dem „Fascikel“, den ihm Hölderlin zum Durchlesen gegeben habe, teilt er u.a. die obenstehende Strophe mit.

Hölderlin war am 3.5.1807 aus der Tübinger Nervenklinik als unheilbar aber harmlos entlassen worden und lebte bis 1843 friedlich in seinem Turmzimmer am Neckar.

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Elevator

Xu Lizhi
ELEVATOR

I’m walking into
a standing casket
as the lid slowly closes
I and this world
are separated

Tr. MW, Nov. 2014
许立志
电梯

我走了进去
一副站起来的棺材
随着棺材盖缓缓合上
我与这个世界
从此隔绝

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Ein alter Tibetteppich

Else Lasker-Schüler

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

EDr 8. Dezember 1910 in »Der Sturm« Jg. 1, Nr. 41. S. 328

Geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem.

Mein blaues Klavier

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Kieselsteine

Was versteht er eigentlich unter Poeten? – Helle reine Kieselsteine, an die der schöne Himmel und die schöne Erde und die heilige Religion anschlagen, daß Funken herausfliegen.

Matthias Claudius, Nachricht von meiner Audienz beim Kaiser von Japan. In: Matthias Claudius: Worauf es ankommt. Ausgewählte Werke. Nach Gattungen geordnet. Mit Einleitungen und einem Nachwort herausgegeben von Winfried Freund. Gerlingen: Lambert Schneider, 1995, S. 35.

Come live with me, and be my love

John Donne (* 22. Januar 1572 in London, † 31. März 1631 ebenda)

Come live with me, and be my love,
And we will some new pleasures prove
Of golden sands, and crystal brooks,
With silken lines, and silver hooks.

There will the river whispering run
Warm’d by thy eyes, more than the sun;
And there the ‚enamour’d fish will stay,
Begging themselves they may betray.

When thou wilt swim in that live bath,
Each fish, which every channel hath,
Will amorously to thee swim,
Gladder to catch thee, than thou him.

If thou, to be so seen, be’st loth,
By sun or moon, thou dark’nest both,
And if myself have leave to see,
I need not their light having thee.

Let others freeze with angling reeds,
And cut their legs with shells and weeds,
Or treacherously poor fish beset,
With strangling snare, or windowy net.

Let coarse bold hands from slimy nest
The bedded fish in banks out-wrest;
Or curious traitors, sleeve-silk flies,
Bewitch poor fishes‘ wand’ring eyes.

For thee, thou need’st no such deceit,
For thou thyself art thine own bait:
That fish, that is not catch’d thereby,
Alas, is wiser far than I.