Über anmaßende Urteile der Kritiker

So würde ich es begrüßen, wenn es ihnen gelänge, das Sektiererwesen in der Literaturkritik einzudämmen, jenen eifrigen Leuten den Kopf zurechtzusetzen,  die oft anmaßende Urteile fällen, weil sie alles in gleichem Maße mißverstehen, Kritikern, die den Stempel des Unklaren an sich tragen, die daher das Mittelmäßige heute preisen und morgen wieder verdammen. Es sind jene Leute, die sich immer doppelt anseilen, um den ganz sicheren Weg zu gehen, und die meist erst nach einem Jahr, wenn sie ihre Höhen erreichten, bemerken, daß sie sich in der Literaturkritik gänzlich verstiegen haben.

Peter Huchel: Gesammelte Werke Bd. 2: Vermischte Schriften. Hrsg. v. Axel Vieregg. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 282.

(Huchel schrieb das in den 50er Jahren in der DDR, aber es gilt eigentlich immer. Man benennt es bloß verschieden, Sektiererwesen paßt heute nicht. Noch ein Unterschied fällt mir auf: völlig unmöglich, heute zu hoffen, die Kritiker würden schon nach einem Jahr ihren Irrtum einsehen.)

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