Über anmaßende Urteile der Kritiker

So würde ich es begrüßen, wenn es ihnen gelänge, das Sektiererwesen in der Literaturkritik einzudämmen, jenen eifrigen Leuten den Kopf zurechtzusetzen,  die oft anmaßende Urteile fällen, weil sie alles in gleichem Maße mißverstehen, Kritikern, die den Stempel des Unklaren an sich tragen, die daher das Mittelmäßige heute preisen und morgen wieder verdammen. Es sind jene Leute, die sich immer doppelt anseilen, um den ganz sicheren Weg zu gehen, und die meist erst nach einem Jahr, wenn sie ihre Höhen erreichten, bemerken, daß sie sich in der Literaturkritik gänzlich verstiegen haben.

Peter Huchel: Gesammelte Werke Bd. 2: Vermischte Schriften. Hrsg. v. Axel Vieregg. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 282.

(Huchel schrieb das in den 50er Jahren in der DDR, aber es gilt eigentlich immer. Man benennt es bloß verschieden, Sektiererwesen paßt heute nicht. Noch ein Unterschied fällt mir auf: völlig unmöglich, heute zu hoffen, die Kritiker würden schon nach einem Jahr ihren Irrtum einsehen.)

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Германии

Марина Цветаева

Германии

Ты миру отдана на травлю,
И счета нет твоим врагам,
Ну, как же я тебя оставлю?
Ну, как же я тебя предам?

И где возьму благоразумье:
„За око-око, кровь-за кровь“,
Германия-мое безумье!
Германия-моя любовь!

Ну, как же я тебя отвергну,
Мой столь гонимый Vaterland?
Где все еще по Кенигсбергу
Проходит узколицый Кант,

Где Фауста нового лелея
В другом забытом городке-
Geheimrath Goethe? по аллее
Проходит с тросточкой в руке.

Ну, как же я тебя покину,
Моя германская звезда,
Когда любить наполовину
Я не научена, — когда, —

— От песенок твоих в восторге —
Не слышу лейтенантских шпор,
Когда мне свят святой Георгий
Во Фрейбурге, на Schwabenthor?.

Когда меня не душит злоба
На Кайзера взлетевший ус,
Когда в влюбленности до гроба
Тебе, Германия, клянусь.

Нет ни волшебней, ни премудрей
Тебя, благоуханный край,
Где чешет золотые кудри
Над вечным Рейном-Лорелей.

Москва, 1 декабря 1914

Übersetzung von Gert Hans Wengel mit Kommentar hier

Max Herrmann-Neiße EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Max Herrmann-Neisse (1886 Neiße -1941 London)

EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In ferner Fremde mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

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O seasons, o chateaux

Arthur Rimbaud / Klaus J. Gerken (Ottawa)

O seasons, o chateaux,
Who’s soul is without blame?

O seasons, o chateaux,

I followed the magical teachings
Of happiness, that no one escapes.

Live long, every time
The gallic cock sings.

I will never envy it again,
It has changed my life.

What charm! it caught soul and body,
And dispersed the efforts.

Who comprehends my words?
He’s fled and flies!

O seasons, o chateaux!

Arthur Rimbaud 1872
kjg 540am 23 nov 2014

Ô saisons, ô châteaux

Ô saisons, ô châteaux,
Quelle âme est sans défauts ?

Ô saisons, ô châteaux,

J’ai fait la magique étude
Du Bonheur, que nul n’élude.

Ô vive lui, chaque fois
Que chante son coq gaulois.

Mais ! je n’aurai plus d’envie,
Il s’est chargé de ma vie.

Ce Charme ! il prit âme et corps,
Et dispersa tous efforts.

Que comprendre à ma parole ?
Il fait qu’elle fuie et vole !

Ô saisons, ô châteaux !