Die hab ich satt

Historisch und überzeitlich (Nachtrag zum Tag der deutschen Einheit):

Die hab ich satt (1966)

1
Die  kalten  Frauen,  die  mich  streicheln
Die  falschen  Freunde,  die  mir  schmeicheln
Die  scharf  sind  auf  die  scharfen  Sachen
Und  selber  in  die  Hosen  machen
In  dieser  durchgerissnen  Stadt
–  die  hab  ich  satt!

2
Und  sagt  mir  mal:  Wozu  ist  gut
Die  ganze  Bürokratenbrut?
Sie  wälzt  mit  Eifer  und  Geschick
Dem  Volke  über  das  Genick
Der  Weltgeschichte  großes  Rad
–  die  hab  ich  satt!

3
Was  haben  wir  denn  an  denen  verlorn:
An  diesen  deutschen  Professorn
Die  wirklich  manches  besser  wüßten
Wenn  sie  nicht  täglich  fressen  müßten
Beamte!  Feige!  Fett  und  platt!
–  die  hab  ich  satt!

4
Die  Lehrer,  die  Rekrutenschinder
Sie  brechen  schon  das  Kreuz  der  Kinder
Sie  pressen  unter  allen  Fahnen
Die  idealen  Untertanen:
Gehorsam  –  fleißig  –  geistig  matt
–  die  hab  ich  satt!

5
Die  Dichter  mit  der  feuchten  Hand
Dichten  zugrund  das  Vaterland
Das  Ungereimte  reimen  sie
Die  Wahrheitssucher  leimen  sie
Dies  Pack  ist  käuflich  und  aalglatt
–  die  hab  ich  satt!

6
Der  legendäre  Kleine  Mann
Der  immer  litt  und  nie  gewann
Der  sich  gewöhnt  an  jeden  Dreck
Kriegt  er  nur  seinen  Schweinespeck
Und  träumt  im  Bett  vom  Attentat
–  den  hab  ich  satt

7
Und  überhaupt  ist  ja  zum  Schrein
Der  ganze  deutsche  Skatverein
Dies  dreigeteilte  deutsche  Land*
Und  was  ich  da  an  Glück  auch  fand
Das  steht  auf  einem  andern  Blatt
–  ich  hab  es  satt

Erschienen  1969  auf  Wolf  Biermanns  erstem Album  „Chausseestraße  131“.

*) Diese Zeile ist historisch. Dreigeteilt ist Deutschland, weil nach teils alliierter und teils ostdeutscher Auffassung (West-)Berlin nicht zur Bundesrepublik gehörte „und nicht von ihr regiert werden darf“. Ostberlin sprach auch von der „selbständigen politischen Einheit Westberlin“.

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Ein Gedanke zu “Die hab ich satt

  1. Super-Text, Super-Song! War damals noch Schüler und habe „Biermann“ verschlungen, neben den Stones – die Beatles waren schon oder in jener Phase (wg. Queen-Fixierung, aristokratischen Neigungen u.ä. out – war er parallel und im Vergleich zu Degenhardt, Süverkrüp, Floh de Cologne usw. ein echter Magnet, wahrscheinlich nicht nur für meine Sozialisierung von großer Bedeutung. Klingt heute aberwitzig, aber damals entwickelte sich in Sachen Bert Brecht in den Schulen in NRW, so wie ich es erinnere – und ich hatte Spitzen-Deutschlehrer, erst eine allmähliche Annäherung. Und Wolf Biermann war dann sehr ergiebig, auch später in Hamburg.

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