Textkette Freistil/ Dichterbriefe: JEAN RACINE an seinen Sohn Jean-Baptiste

(Feldlager von Thieusies, 3. Juni 1693)

„Sie machen mir eine Freude, wenn Sie mir von Ihrer Lektüre Rechenschaft ablegen. Aber ich ermahne Sie, nicht Ihre ganze Aufmerksamkeit den französischen Dichtern zuzuwenden. Denken Sie daran, daß sie nur zu Ihrer Erholung dienen sollen und nicht Ihr eigentliches Studium bilden dürfen. So wünschte ich, daß Sie manchmal Gefallen daran fänden, mich von Homer, Quintilian und anderen Schriftstellern dieser Art zu unterhalten. Was Ihr Epigramm angeht, möchte ich, Sie hätten es überhaupt nicht gemacht. Abgesehen davon, daß es ziemlich mäßig ist, könnte ich Ihnen nie zu oft ans Herz legen, sich nicht der Versuchung hinzugeben, französische Verse zu machen, die nur dazu dienen würden, Ihren Geist abzulenken. Vor allem darf man keine gegen irgend jemanden schreiben. Herr Despréaux [Boileau] hat ein Talent, das ihm eigentümlich ist und weder Ihnen noch irgend jemand anderem als Beispiel dienen darf. Er hat nicht allein vom Himmel eine wunderbare Begabung für die Satire empfangen, sondern er hat dabei noch ein ausgezeichnetes Urteil, das ihn klar erkennen läßt, was man loben und was man tadeln muß. Wenn er die Güte hat, sich mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ist das einer der großen Glücksfälle, die Ihnen zustoßen können, und ich rate Ihnen, das gut auszunutzen, indem Sie ihm viel zuhören und wenig Urteile ihm gegenüber fällen. Außerdem sage ich Ihnen, daß Sie mir ein Vergnügen machen würden, wenn sie sich Ihrer Handschrift widmeten. Ich will annehmen, daß Sie die beiden Briefe, die ich von Ihnen bekommen habe, sehr schnell geschrieben haben; denn Ihre Schrift erscheint sehr nachlässig.
Möge Sie alles, was ich Ihnen sage, nicht verdrießen! Denn im übrigen bin ich mit Ihnen sehr zufrieden und gebe Ihnen diese Hinweise nur, um sie anzufeuern, in allen Dingen Ihr Bestes zu leisten.“

zit. n.
„Briefe des alten Frankreich – Übertragen und herausgegeben von Werner Langer.“ Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung zu Leipzig.

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