Dem Libanon

Georg Kulka  (1897 – 1929)

Dem Libanon

Dem Libanon, dem jüngst im Flügelkleide schwärmenden,
Wuchs heut der Regen bleicher aus der Stirne.
Knatternd, als man die Seide zerbrach.
O du hellhöriger höllhärener Morgen!
Der Tag blieb dir im Munde stecken.
Aber die Wolken poltern sich stauend.
Niemand ist beiläufig – wo Regen das Hirn perforiert,
Erschlagene Blutkörner aufpickt.

Aus: Georg Kulka: Der Stiefbruder . 1. Auflage 1920

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Wir müssen wie die Sahaba sein !!!
Wir müssen wie die Kinder reden,
wenn wir überleben wollen. Die Blauäugigen waren es
seit je, die neue Wege fanden.
Wir müssen wie die Sahaba sein.
Sehr Sehr Starke Worte.
Wir müssen wie die Ansar handeln,
die unseren Propheten Muhammed (Fsai)
und seine Begleiter in bester Weise
Willkommen hießen. Wir müssen
wie die junge Kinderlein so lang an Stülen und Bäncken
gehen biß wir aufrecht lauffen
können. Ob wir zuweilen stolpern
oder fallen. Wir müssen wie die dreihundert
Krieger Gideons arbeiten. Obwohl wir nur wenige sind.
Wir müssen wie die Machabäer
zu ihm rufen: Herr, du weißt!
Wir müssen, wie die Engländer
und die fremden Staaten uns selbst
helfen, und wie die Indier,
unsre Tempel nicht blos aus Felsen
bauen, sondern sie sogleich in Felsen
hinein hölen. Wir müssen wie die Sonne werden,
die ihr Licht ohne Unterschied allen Wesen auf der Erde
schenkt. Wenn wir teilen, wird das vom Universum
verstanden. Wir müssen wie diese
kleinen Kinder werden und von Jesus empfangen.
Wir müssen wie die im Buch was Illegales tun,
wir müssen, wie die Entwicklung zeigt,
wie die Bundeskanzlerin gesagt hat,
wie die ersten Missionare
wie die anderen auf den modernen Autobahnen…
Wir müssen wie die Schlangen sein, zuschlagen und
uns dann verstecken. Um Attentate auszuüben,
muss man diskret vorgehen. Wir müssen,
wie die anderen Völker auch, zuerst an uns selber denken.
Wir müssen wie die Musiker auch Neues ausprobieren,
auch auf die Gefahr hin, dass es mal schief klingt.
Gott traut uns zu, unsere Lebensmelodie zu singen,
wie die LeserInnen bereits erwarten werden.
Aber wir müssen, wie die Entwicklung zeigt,
viel mehr tun, als wir bisher getan haben,
um dem Krieg im Osten, um dem Krieg gegen den Terror
eine entscheidende Wendung zum Besseren zu geben.
Wir missn schläsch sprechen, wenn wir – und wir wulln –
von der Muttel Plachtn rädn. Nu säht,
jeden Tag kam sie angeschirgt
und broachte de Milch nach Kutzn
und die Kartuffelschoalen noahm se mit.
Wir müssen wie die Sonne werden
wie die Jünger damals
wie die Deutschen
wie die Weisen der Upanishaden
feste Ziele für die nächsten Jahrzehnte
formulieren. Wir brauchen konkrete Gesetze.
Wir müssen wie die Apostel
ein Herz und eine Seele sein.
Wir müssen wie die anderen auch
im Reisemobil frühstücken. Brötchen gibt es da.
Wir müssen wie die Kinder BLACKen, wie die Schweiz,
wie die Ärzte in Frankreich,
wie die Weisen aus dem Morgenland werden.
Wir müssen wie die Leser des Lukasevangeliums fragen,
wie die Natur, hart, grausam und unnachgiebig sein.
Zu lange war es der toten Hand erlaubt, lebende
Gedanken abzutöten. Wir müssen wie die edlen
Beröer sein. Wie die meisten ja sicher wissen.
Bei den meisten klappt das auch schon recht gut.
Wir müssen wie die Astronomen handeln,
wie die anderen Flughäfen in Deutschland auch.
wie die Berichterstatter sagten – mehr Effektivität
und mehr Demokratie, wir müssen
wie die kapitolinischen Gänse sein, die Rom
mit ihrem ewigen Schnattern retten.
Wir müssen Ihrer Anweisung folgen:
„Wohlan, gesammelt den Mut,
nicht ziemt sich, käuflicher Ruhm,
die Lehre beim Zwingherrn von Ch’u.“
Wir müssen davon überzeugt sein.
Wir müssen wachsam sein gegenüber schlauen Feinden.
Wir müssen diese Worte des Vorsitzenden Mao
im Kopf behalten: Die körperliche Intimität
ist ein heiliger Bestandteil der ehelichen Beziehung.
Dadurch kommen Kinder in die Familie, und die Bindung
zwischen den Ehepartnern wird im Laufe ihres Lebens immer fester.
Wir müssen, wie die revolutionären Massen in Schanghai,
die Herausforderung der Handvoll Agenten der Bourgeoisie
mutig zurückschlagen. Wir müssen den Mut haben, zu kämpfen
und zu siegen, und es verstehen,
gut zu kämpfen und zu siegen.
Damit entgeht man dem üblen Einfluss
der Pornografie. Wir müssen wie die Apostel
darum bitten: Stärke unseren Glauben.
Wir müssen, wie die fünfhundert Kinder hier
die Fäkalrinne und die kalten Duschen benutzen.
Wir müssen wie die Eichhörnchen die Punkte hamstern.
Wir müssen, wie die Schrift sagt, durch das Sühnopfer Christi,
des Herrn, ein Heiliger werden.
Wir müssen wie die Amerikaner sein. Aber das kann man nicht lernen,
das steckt in einem Volk drin.
Wir müssen wie die Hirten nahe herangehen
wie die gesamte Freeride-Gemeinde,
wie die Ameise, Weiterverwertbares hinterlassen.
Das sollte eigentlich zu schaffen sein.
Wir müssen wie die Deutschen spielen. Konsequent,
verbissen, selbstbewusst. Wie die Verrückten, wie die anderen
Vereine. Wir müssen wie die Studenten
unsere Angelegenheiten in unsere eigenen Hände nehmen.
Wir müssen wie die Adler, im Glauben
über die Stürme des Lebens hinaus wachsen.
Aber nein, wir müssen wie die anderen
in die viel zu lange Schlange.
Wir müssen wie die Ägypter auf die Plätze,
wie die jungen Parteien vorgehen,
wie die Ameise – konsequent unseren Weg gehen,
wie die Eichhörnchen punkten, wie gesagt.
Wir müssen wie die Verrückten spielen,
wie die Hirten sofort und ohne Umschweife aufbrechen.
Wir müssen wie die Fooddesigner in der Industrie überlegen,
was die Kinder in welchem Alter mögen.
Wir müssen wie die Hunde leben
‚wie die Radios‘ werden
wie die fünf Jungfrauen sein
und danach werden wir verscharrt.
Wir müssen wie die Privaten sein!
Wir müssen wie die alten Römer klagen
weils grad ein bissl zwickt im Schritt.
Wir müssen wie die Marranen werden,
wie die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung.
Wir müssen, wie die Ratten in den Versuchen
komplexe Aufgaben bewältigen,
wie die Raupe den Kokon abstreifen, damit wir
zum Schmetterling werden und fliegen.
Aber du weißt genau, wir müssen, wie die Menschen,
in einer wild aufgewühlten Welt wohnen.

Wir müssen wie die Menschen in der ehemaligen DDR
aufstehen und laut sagen : “Wir sind das Volk!“
Wir müssen wie die Idioten ausgesehen haben,
wie die Apostel im Obergemach,
wie die Indianer, wie die Wanderprediger durch die Lande,
wie die „apokalyptischen Reiter“.
Wir müssen wie die Bauern etwas origineller,
originaler, farbiger, mutiger werden.
Wir müssen wie die Deppen reinhackeln,
damit Ihr diskutieren dürft. Voll nett!
Wir müssen wie die Schafe zu allem
den Kopf nicken und akzeptieren,
müssen (wie die katholische Kirche) endlich Demut lernen.
Wir müssen wie die bienen thun,
und bisweilen so wol ausz den giftigen
als ausz den guten blumen den honig
nemen, dasz gut behalten und dasz böse
meiden und bleiben lassen.

So kam es

Axel Reitel

So kam es

Der Kummer verschlief
Der Strom war sanft
Deine Haut war eben
Deine Sprache war gut
Nichts hielt uns fest
Fest war uns alles
Das Licht an uns war –

Die neueste Ausgabe von Glossen veröffentlicht Gedichte von Axel Reitel.

Außerdem u.a.

Gabriele Eckart, Helga M. Novak in Island
Frederick A. Lubich, Angie’s “Starry, Starry Nights” – Code Name “Maybe, Maybe Not” oder “Denk ich an Deutschland in der Nacht”: Eine muttermythische Phantasmagorie
Utz Rachowski, ANDALUSIEN – Zwei Gedichte stampfenden Fußes

Essay

Frederick A. Lubich, „Wo ich bin, ist Deutschland”. Thomas Mann als transatlantischer Emigrant par excellence oder Hundert Jahre Poschinger Straße 1 (1914-2014)

Gespräch

Michael Augustin und Walter Weber im Gespräch mit Günter Kunert – “Dichtung – Einfälle” (mp3)