O MEINE FRÖHLICHE SÄNGERIN! SAPPHO DER SLAWEN!

Textkette Freistil 17.4. 2014

Jan Kochanowski (1530 -1584)

KLAGELIEDER (Treny)

(Ausgewählt von Roland Erb)

VI.

O meine fröhliche Sängerin! Sappho der Slawen!
Welcher doch nicht nur ein kleines Stückchen vom Rasen,
Sondern die Laute auch werden sollte zum Erbe!
Denn wir erblickten schon dieser Hoffnung Gebärde,
Da du dir Liedchen ersannst, niemals je schließend
Den Mund, ja, all die Stunden des Tages uns grüßend,
So wie die Nachtigall winzig zur Freude der Seele
Nachtüber singt im Gesträuch mit bebender Kehle.
Ach, du verstummtest zu schnell! Denn jählings verschreckte
Grausamer Tod die morgens mich plaudernd sonst weckte!
Süß war dein Lied mir, keinem andern vergleichlich,
Doch dies Wenige zahl ich mit Tränen nun reichlich.
Und, im Sterben schon, hörtest du nicht auf zu singen,
Sagtest der Mutter, sie küssend, seltsame Dinge:
„Mutter, ich werde von Stund an nicht mehr dir dienen,
Noch darf es mir an eurem Tische geziemen,
Fort muss ich gehn, zurück euch die Schlüssel geben,
Meine geliebten Eltern verlassen auf ewig.“
Was längres Erinnern dem Vater, der schließlich verzagte,
Verbietet: die Worte, die stockenden Atems sie sagte.
Und als die Mutter die Entfliehende sprechen hörte,
War es, als ob ihr Herz sich von selber zerstörte.

1580

(Aus dem Polnischen von Roland Erb)

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2 Gedanken zu “O MEINE FRÖHLICHE SÄNGERIN! SAPPHO DER SLAWEN!

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