SO ſoll der purpur deiner lippen

1.7.4.4.1.1.1.1.1 hoffmannswaldau: SO ſoll der purpur deiner lippen

Textkette

Ausgewählt von Sven Wenig

Ich liebe den Minnesang, und ich liebe besonders Heinrich von Morungen. Weswegen ich den Beitrag von Michael Gratz für die Textkette auch liken musste. Dafür durfte ich mir – da ich schon so viel gepostet habe – selbst einen Dichter aussuchen. Und ich wählte einen Dichter, dem ich besonders verpflichtet bin: Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau.

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau:
„So soll der purpur deiner lippen…“

SO ſoll der purpur deiner lippen
Itzt meiner freyheit bahre ſeyn?
Soll an den corallinen klippen
Mein maſt nur darum lauffen ein/
Daß er an ſtatt dem ſuͤſſen lande/
Auff deinem ſchoͤnen munde ſtrande?

Ja/ leider! es iſt gar kein wunder/
Wenn deiner augen ſternend licht/
Das von dem himmel ſeinen zunder/
Und ſonnen von der ſonnen bricht/
Sich will bey meinem morrſchen nachen
Zu einen ſchoͤnen irrlicht machen.

Jedoch der ſchiffbruch wird verſuͤſſet/
Weil deines leibes marmor-meer/
Der muͤde maſt entzuͤckend gruͤſſet/
Und faͤhrt auff dieſen hin und her/
Biß endlich in dem zucker-ſchlunde
Die geiſter ſelbſten gehn zu grunde.

Nun wohl! diß urthel mag geſchehen/
Daß Venus meiner freyheit ſchatz
In dieſen ſtrudel moͤge drehen/
Wenn nur auff einen kleinen platz/
In deinem ſchooß durch vieles ſchwimmen/
Ich kan mit meinem ruder klimmen.

Da will/ ſo bald ich angelaͤndet/
Dir einen altar bauen auff/
Mein hertze ſoll dir ſeyn verpfaͤndet/
Und fettes opffer fuͤhren drauff;
Ich ſelbſt will einig mich befleiſſen/
Dich goͤtt- und prieſterin zu heiſſen.

(zitiert nun, da verschiedene verfügbare Texte voneinander abweichen, nach der im Internet verfügbaren Ausgabe der Neukirchschen Sammlung:
„Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte.“ Leipzig, 1695.)

 

 

‪Fidel Klaufschneider und ‪Mag Mdot gefällt das.

Sven Wenig Einen Höhepunkt der spätbarocken Manier stellt das Gedicht „So soll der purpur deiner lippen“ dar, das zu Lebzeiten des Autors (wie übrigens viele Gedichte Hoffmannswaldaus) nur handgeschrieben im Kreis wohlhabender und späthumanistisch gebildeter Patrizier kursierte, um erst nach dem Tod des Dichters in der berühmten und berüchtigten Neukirchschen Sammlung (1. Band 1695) veröffentlicht zu werden. „Höhepunkt“ sollte man übrigens nicht nur im übertragenen Sinne verstehen: die vorgezogene ingeniöse Pointe des Gedichts entläd sich zu Ende der dritten Strophe auf höchst explizite Art, bevor Hoffmannswaldau das von Marino entlehnte Motiv der Liebesschiffahrt mit der Vorstellung vom Venusgottesdienst überblendet, um zu locus amoenus und Liebesopfer überzuleiten (siehe hierzu ein sehr zu empfehlendes Buch: „Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau – Leben und Werk“ von Lothar Noack). Das Gedicht von (so Thomas Borgstedt) „hoher artifizieller Komplexität“ stand in letzter Zeit öfters im Fokus der (leider nur geringen) Forschungstätigkeit zu Hoffmannswaldau: so bezog man das Bild des im Schoß erbauten „Altar“ – im Sinne einer „concettistischen Verbindung“ – auf die Eheschließung und diskutierte, ob in diesem (durch die katholizistische Argutia-Bewegung und den Marinismus zwar beeinflussten, aber in der Kühnheit weit darüber hinausgehenden) pornographischen Gedicht der Ausdruck einer „protestantischen Neubewertung der Ehe“ erkennbar sei. Aber diese Argumentation ist ein weites Feld, ich bräuchte dafür doch mehr Zeit.




Sven Wenig Äh, Moment: jetzt habe ich glatt vergessen: wer dieses Gedicht „likt“, bekommt einen Dichter zugewiesen. Darf ich dennoch?
Michael Gratz die zwei kennen die regel
Sven Wenig OK, fein. Ich durfte schon länger nicht zuteilen.
Sven Wenig ‪Fidel Klaufschneider Darf ich Dir Johann Christian Günther zuteilen?
Sven Wenig Und ‪Mag Mdot Vielleicht Matthias BAADER Holst? Hier einige Texte: ‪http://www.poesieschmecktgut.de/baadertexte.htm




Mirko Wenig Du bist Hoffmannswaldau verpflichtet? Oh, das klingt pathetisch. „Im deutschen Zivilrecht ist ein Rechtssubjekt verpflichtet, wenn sich ein Schuldverhältnis im engeren Sinne gegen es richtet. Synonym wird auch von Schuld (in Abgrenzung zur Haftung) gesprochen.“




Fidel Klaufschneider du darfst – gut dass ich nochmal an ihn gemahnet werde!




Michael Gratz für haften ist der zu lange tot glaub ich
Michael Gratz 1 e zuviel, dritte strophe
Sven Wenig Ein „n“ zuwenig. Ich verbessere.
Michael Gratz das auch




Sven Wenig Mensch, was habe ich denn da für eine Version zitiert? Ich korrigiere gerade, da gibt es – wenn man Borgstedt folgt – noch mehr. Ich brauch mal den Neukirch (hab ich hier irgendwo kopiert, muss ich aber suchen).




Michael Gratz pdf gibts zum download




Sven Wenig Es muss ein „normierter“ Text sein (aber nicht zum Besten). Aus „marmel-meer“ wurde auch „mamor-meer“. Entweder habe ich den Text von Noack oder von Kemper. Muss mal schauen, ob der Fehler bei mir liegt, oder ob er dort anders zitiert ist.
Michael Gratz berichte es uns




Sven Wenig Hab das „e“ gefunden. Bei Hoffmannswaldau gibt es – ich denke, das trifft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu – keine metrischen Unregelmäßigkeiten. Deswegen ist es schon ein Patzer.
Michael Gratz ja, daran hab ichs gemerkt




Fidel Klaufschneider respekt




Michael Gratz damit kann man sogar sibylla schwarz emendieren, wos keine manuskripte gibt. den fehler würde sie nie machen




Sven Wenig Ich hoffe, jetzt stimmt es. Seltsamerweise bei Borgstedt auch öfters Dativ.




Michael Gratz hier aus der ausgabe von 1697935179_3915385180970_71720819_n.jpg




Michael Gratz 1958044_3915385860987_155309087_n.jpg ¬




Sven Wenig Seltsam: bei mir auch mit Virgel. Zitiert habe ich den Text – ich habe mal nachgeschaut – nach Lothar Noack S. 171 („Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau – Leben und Werk“). Ob aber der Fehler mit dem „e“ von mir stammt, muss ich nochmal nachschauen. Aber egal, wie Noack den Text abdruckt: das Buch ist die wichtigste Veröffentlichung zu Hoffmannwaldau der letzten Jahre. Kann man nur empfehlen: ‪
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-1679): Leben und Werk (Fruhe Neuzeit,) 
www.buecher-nach-isbn.infovon Lothar Noack • Daten des Buchs Christian Hoffmann von …
Sven Wenig Wenn ich übrigens schreibe: „wichtigste Veröffentlichung zu Hoffmannwaldau der letzten Jahre“, dann heißt das auch, dass wenig zu Hoffmannswaldau geschrieben wird. Die Kritik der Aufklärer hat ihm doch ganz schön zugesetzt. Ich bin in einer Musestunde mal systematisch die Bände des Bibliographischen Organs „Germanistik“ durchgegangen – alle Jahrgänge von Ende der sechziger Jahre bis zu den neuesten Ausgaben konnte ich in relativ kurzer Zeit abarbeiten. Zwar erscheinen durchaus Aufsätze – immer mal einige, immer mal vereinzelte, zuletzt (nicht ganz zufällig) häufiger in der „Germanisch- Romanischen Monatsschrift“. Verglichen mit anderen Autoren aber ist wohl das Interesse an Hoffmannswaldau gering. Leider!




Michael Gratz ja Übersetzung anzeigen




Sven Wenig Ein Bearbeitungsverlauf des Grauens. Jetzt zitiert nach: ‪http://www.deutschestextarchiv.de/…/hoffmannswaldau
Deutsches Textarchiv – Hoffmannswaldau, Christian Hoffmann von: Herrn von Hoffmannswaldau und… 
www.deutschestextarchiv.de Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Sven Wenig

So soll der purpur deiner lippen
Jtzt meiner freyheit bahre seyn?
Soll an den corallinen klippen
Mein mast nur darum lauffen ein /
Daß er an statt dem süssen lande /
Auff deinem schönen munde strande?

Ja / leider / Es ist gar kein wunder /
Wenn deiner augen sternend licht /
Das von dem himmel seinen zunder /
Und sonnen von der sonnen bricht /
Sich will bey meinem morschen nachen
Zu einem schönen irrlicht machen.

Jedoch der schiffbruch wird versüsset /
Weil deines leibes marmel-meer
Der müde mast entzückend grüsset /
Und fährt auff diesem hin und her /
Biß endlich in dem zucker-schlunde
Die geister selbsten gehn zu grunde.

Nun wohl! Diß urthel mag geschehen /
Daß Venus meiner freyheit schatz
Jn diesen strudel möge drehen /
Wenn nur auff einem kleinen platz /
Jn deinem schooß durch vieles schwimmen /
Jch kann mit meinem ruder klimmen.

Da will / so bald ich angeländet /
Ich dir ein altar bauen auff /
Mein hertze soll dir seyn verpfändet /
Und fettes opffer führen drauff;
Jch selbst will einig mich befleissen /
Dich gött- und priesterin zu heissen.

 
Zur Veranschaulichung die zitierte Version bei Thomas Borgstedt mit einigen kleinen Abweichungen: gerade habe ich noch gesehen, dass es bei ihm in der letzten Strophe heißt: „Ich dir ein altar bauen auff /“ anstatt: „Dir einen altar bauen auff/…“ Borgstedt zitiert aber übrigens eine kritische Ausgabe: „Benjamin Neukirchs Anthologie. Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesene und bißher ungedruckte Gedichte erster theil.“ Nach einem Druck vom Jahre 1697 mit einer kritischen Einleitung und Lesearten. Hg. von A.G. de Capua und E. A. Phillippson. Tübingen: Niemeyer 1961. … Übrigens steht es mit den Überlieferungen der Texte nicht zum allerbesten. Manche der Texte existieren noch als Handschriften und Abschriften der Handschriften, viele Texte aber, die Hoffmannswaldau nicht in seine autorisierte Ausgabe der eigenen Werke aufnahm , sind nur durch Neukirchs Sammlung überliefert. Ob und in welchem Umfang Neukirch selbst in die Texte eingegriffen hatte, kann teilweise nicht sicher geklärt werden.
Roland Erb Danke, dieser schöne Text bereichert auch meine Kenntnis von diesem Dichter, den ich bisher vor allem aus Anthologien kannte, und in erster Linie aus Eberhard Haufes umfangreicher Anthologie der Lyrik des 17. Jahrhunderts „Wir vergehn wie Rauch von starken Winden“.

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