Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

1.6.6.1.1 thomas brasch: und der sänger dylan in der deutschlandhalle

Textkette

Ausgewählt von Frank Weißbach
Textkette: Mein mir von André Schenkel zugeteilter Dichter ist Thomas Brasch.

 

Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

ausgepfiffen angeschrien mit Wasserbeuteln beworfen
von seinen Bewunderern, als er die Hymnen
ihrer Studentenzeit sang im Walzertakt und tanzen ließ
die schwarzen Puppen, sah staunend in die Gesichter
der Architekten mit Haarausfall und 5000 Mark im Monat,
die ihm jetzt zuschrien die Höhe der Gage und
sein ausbleibendes Engagement gegen das Elend der Welt. So sah

ich die brüllende Meute: Die Arme ausgestreckt im Dunkel neben
ihren dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte
der Welt in den Augen, betrogen um ihren Krieg,
zurückgestoßen in den Zuschauerraum
der Halle, die den Namen ihres Landes trägt, endlich
verwandt ihren blökenden Vätern, aber anders als die
betrogen um den, den sie brauchen: den führenden Hammel.

Die Wetter schlagen um:
Sie werden kälter.
Wer vorgestern noch Aufstand rief,
ist heute zwei Tage älter.

 

 

‪Viktoria Braun gefällt das.

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Ein Gedanke zu “Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

  1. jemand fragt auf der facebookseite (unter einem anderen text):

    „Ich hab mal ne Frage. Im Brasch Gedicht „Dylan in der Deutschlandhalle“ heißt es doch am Ende: „Wer vorgestern für Aufstand war, ist heute zwei Tage älter.“… Dieses“ heute“ irritiert mich bezüglich der Metrik. Wäre da nicht „heut'“ viel runder? Oder ist das absichtlich zum Abbremsen so gewählt? Wie geht man mit sowas um? Ignorieren? Danke“

    ich denke, „abbremsen“ beschreibt es schon ganz gut. in diesen gedichten wollte brasch alles mögliche, „brasch is brash and strident“ schrieb ein kritiker. „rund“ sein, jamben schreiben aber gewiß nicht. wenn man die vorige zeile jambisch liest, ist sie ein elender jambus: wer VORgesTERN noch AUFstand RIEF. die ganze wut und wucht dieser verse kippte ins gekünstelte. ich denke, brasch wollte einen gestischen, die (wütige und wuchtige) geste der sätze intonierenden rhythmus. nicht jede zweite silbe hervorheben, sondern 1 bis 3 hauptwörter in der zeile, vielleicht so:

    zuRÜCKgestoßen in den ZUschauerraum
    der HALle, die den Namen ihres LANdes trägt, ENDlich
    verWANDT ihren blökenden VÄtern, aber ANders als DIE
    betrogen um DEN, den sie BRAUchen: den FÜHrenden HAMmel.

    Die WETter schlagen um:
    Sie werden KÄLter.
    Wer VORgestern noch AUFstand rief,
    ist HEUte zwei Tage ÄLter.

    (ich hab grad paar scheiben brot mit sehr scharfen indischen chilli pickles gegessen, der rachen brennt, jetzt könnt ichs versuchen!)

    versucht mans so ähnlich zu sprechen (im bestreben, wütend zu klingen statt gemessen), wird man die „schwachen stellen“ sehr schnell sprechen und an manchen stellen aufklatschen. geschah mir hier in der vorletzten zeile, wo ich eigentlich so sprach:

    Wer VORgestern noch AUF STAND RIEF,

    ungefähr so wirken diese zornigen verse auf mich, so kommt die geste rüber.

    gibt stellen bei brecht über die aufrauhung sehr regelmäßiger jamben. und einen guten aufsatz von peter hacks über den blankvers in heiner müllers umsiedlerin

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