Was gab’s für Händel, für Insulte!

Johann Wolfgang Goethe, aus: West-Östlicher Diwan

HAFIS

Was in der Schenke waren heute
Am frühsten Morgen für Tumulte!
Der Wirth und Mädchen! Fackeln, Leute!
Was gab’s für Händel, für Insulte!
Die Flöte klang, die Trommel scholl!
Es war ein wüstes Wesen –
Doch bin ich, Lust und Liebe voll,
Auch selbst dabey gewesen.

Daß ich von Sitte nichts gelernt,
Darüber tadelt mich ein jeder;
Doch bleib‘ ich weislich weit entfernt
Vom Streit der Schulen und Catheder.

Locken, haltet mich gefangen…

Hatem

Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab‘ ich Nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Ras’t ein Ätna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke, her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring‘ ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: „Der verbrannte mir“.

Johann Wolfgang Goethe, aus „West-Östlicher Diwan“, Buch Suleika. Man beachte das Reimspiel in der dritten Strophe.

Venezianische Epigramme 34

Johann Wolfgang Goethe, Venetianische Epigramme 34b

Frühe Fassung, 13 (35a)

Klein ist unter den Fürsten der Deutschen mein Fürst ich gesteh es
    Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag
Aber mir hat er gegeben was Große selten gewähren.
    Stand, Vertrauen, Gewalt, Garten und Wohnung und Geld. [1]
Keinen braucht ich zu bitten als ihn und manches bedurft ich.
    Der ich mich auf den Erwerb schlecht als ein Dichter verstand.
Mich hat Europa gelobt[2]. Was hat mir Europa gegeben?
    Nichts! Ich habe noch oft[3] meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach und Frankreich mochte mich lesen[4]
    Und wie gefällig empfing England den leidenden Gast
Doch was hilft es mich, daß auch so gar der Chinese
    Mahlt mit geschäftiger Hand Werthern und Lotten auf Glas [5]
Nie hat nach mir ein Kayser gefragt nie hat sich ein König
    Um mich bekümmert und Er war mir August und Mecen. [6]

[1] Druckfassung 1815: Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
[2] 1. Fassung: gekannt
[3] 1. F.: wie schwer!
[4] 1. F.: lies mich passieren
[5] Die „Leiden des jungen Werther“ erschienen 1774 in französischer, 1776 in holländischer, 1779 in englischer, 1781 in italienischer, 1783 in schwedischer und 1788 in russischer Übersetzung. Napoleon bezeichnete es als sein Lieblingsbuch und sprach mit dem Dichter darüber, nachdem er Thüringen besetzt hatte. 1779 wurden chinesische Glasmalereien mit Motiven des Romans in Deutschland bekannt.
[6] Kaiser Augustus förderte die Kunst und Kultur in Rom. Sein Zeitgenosse Maecenas förderte junge Künstler.

Am 28. August 1749 wurde Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt/ Main geboren.

Venezianische Epigramme 12

Johann Wolfgang Goethe

Erste Fassung, 1790

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen
  Immer schliest sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt sich mein Haupt in ihrem Schoos und ich blicke
  Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» – Schölte mich einer. »Wie so verbringst du die Tage?«
  Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur wie mir geschieht.
Allen meinen Freuden hab ich den Rücken gekehret.
  Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen umher.
Vetturine trozzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer
  Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten
  Postillone sind Herrn! Dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht, du widersprichst dir! du schienest
  Paradiesisch zu ruhn, ganz wie Rinaldo beglückt![«]
Ach ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen
  Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.

Vetturine: Lohnkutscher

Kämmrer: (camariere) Kellner

Meister der Posten: ital. maestro di posta, Postmeister

Dogane: Zollbeamte

Rinaldo: Figur aus Torquato Tassos „Befreites Jerusalem“

Noch ein Gedicht mit Knie

Christian Morgenstern

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wär’s ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.

(Morgenstern, der alte Fuchs, spottet über Literaturwissenschaftler und Lehrer, die fragen, wofür das Knie steht. Als könnte ein Knie ohne Fuß „stehen“. Ein Knie geht einsam durch die Welt. Es ist ein Knie, sonst nichts! Ermunterung für Schüler.)

Thomas Böhme: Zwei Gedichte

KEINE ERSTEN SÄTZE MEHR, sie
machen das Gedicht zur Schnecke
flößen ihm das Gift der Herrscher,
ihren Rhythmus, ihre Ordnung,
erst der Leitwolf, dann die Meute,
traben, traben, Mond anheulen!

Nicht mehr diese schweifgeschmückten
Sätze, eitel wie Kometen,
die auf ihren grellen Bahnen
sich berauschen, Kurtisanen,
denen schafsfromm naachzusteigen
sich bleiche Schwärmer nicht entblöden.

Keine aufgeblasenen Parolen,
die gierig den Refrain begehren,
Reime, Reime, Schneckenschleime,
nicht mehr Namen wie Fanfaren,
_ Jahreszeiten, stolze Orte
und Wappentiere auf entrollten Fahnen.

Thomas Böhme: Nachklang des Feuers. Gedichte 1998-2004.Illustrationen von Gino Hahnemann. Berlin: Galrev, 2005, S. 16

EIN GEDICHT OHNE AUGEN
ist so gut wie gar kein Gedicht,
es sei denn, es ist ein Gedicht
mit Mund aber ohne Augen,
oder es ist ein Gedicht
mit Ohren, wenn schon
ohne Mund oder Augen.

Und ein Gedicht ohne Gesicht
ist nur dann ein Gedicht,
wenn wenigstens Hals oder
Rumpf oder Schultern,
Nabel, Brustwarzen oder das
stolze Geschlecht das Gedicht
zum Gedicht machen.

Und schon gar nicht ist
ein Gedicht ohne Leib und
Gesicht ein Gedicht, wenn nicht
Hand oder Fuß oder Schenkel
es erhöhen. Überhaupt ein Gedicht
Ohne Knie, stell dir vor,
ein Gedicht ohne Knie!

Ebd. S. 17