Wilhelm IX von Aquitanien

„Der erste Trobador“ Wilhelm IX. (* 22. Oktober 1071; † 10. Februar 1126), auch genannt der Junge (le Jeune), frz. Guillaume IX d’Aquitaine ou Guillaume VII, comte de Poitou (Guilhem VII de Peitieus) war Herzog von Aquitanien und Gascogne und als Wilhelm VII. Graf von Poitou.

Hier drei Seiten aus

Borchardt, Rudolf (Übers.): Die grossen Trobadors.Deutsch von Rudolf Borchardt. München: Bremer Presse, 1924. M. e. Nachw. d. Hrsg. 78 S., 2 Bll.. Gr.8°. OPappbd.
Compilation and translation of Provençal poetry, ca. 1100-ca. 1300. 200 copies printed by Mandruck, A.G., Munich. (Originalfassung und englische Übersetzung des Anfangs darunter – woraus ersichtlich, daß Borchardt keineswegs immer das übersetzt, worauf es uns ankommt, man vergleiche die letzte Zeile)

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Die Maßnahmen

Erich Fried

Die Maßnahmen

Die Faulen werden geschlachtet,
die Welt wird fleißig.

Die Häßlichen werden geschlachtet,
die Welt wird schön.

Die Narren werden geschlachtet.
die Welt wird weise.

Die Kranken werden geschlachtet,
die Welt wird gesund.

Die Alten werden geschlachtet,
die Welt wird jung.

Die Traurigen werden geschlachtet,
die Welt wird lustig.

Die Feinde werden geschlachtet,
die Welt wird freundlich.

Die Bösen werden geschlachtet,
die Welt wird gut.

aus: Erich Fried: gesammelte Werke. Bd. 1.
Wagenbach Verlag. München 1993, S. 565. © Claassen.

Frau Ava

Frau Ava ist die erste namentlich bekannte deutsche Dichterin. Wahrscheinlich am 7. Februar 1227 (vor 790 Jahren) in Melk gestorben.

Aus: Das jüngste Gericht

Si sulen got minnen    von allen ir sinnen,
von allem ir herzen,    in allen ir werchen.
si sulen wârheit phlegen,    ir almuosen wol geben,
mit mâzen ir gewant tragen,    mit chûske ir ê haben,
bescirmen die weisen,    die gevangen lôsen.
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si sulen den vîanden vergeben,    gerihtes âne miete phlegen,
den armen tuon gnâde,    die ellenden vâhen.
si sulen ze chirchen gerne gên.    bîhte unde buoze bestên.

Und schöne Raubtierflecken …

Von Ernst Wilhelm Lotz

Bist du es denn?
Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,
Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.
Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.
Du aber …

Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett,
Traum liegt dir hart im Schoß. –

Oder ein junger Liebling
Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger
Die festen Runden deiner Brüste nach.
Ihr seid sehr heiß.
Und schöne Raubtierflecken zieren eure Rücken.

Erschienen 1913

An Apollo, den Erfinder der Dichtkunst

Conrad Celtis (1459-1508)

An Apollo, den Erfinder der Dichtkunst,
 daß er aus Italien nach Deutschland kommen möge

Phoebus, der erfunden die holde Lyra,
laß dein teures Heim, Helicon und Pindus,
komm, von Dichtung, wie du sie liebst, gerufen,
     in unsre Lande.

Sieh wie unsre Musen zu dir mit Freuden
eilen, singend süß unter kaltem Himmel.
Unser Land, das roh noch — mit Harfenklängen
     komm und besuch es.

Der Barbar, abstammend von rauhen Kriegern
oder Bauernvolk, der des Römers Künste
noch nicht kennt, er lern unter deiner Führung
     nunmehr die Dichtkunst,

so wie einstmals vor den Pelasgern Orpheus
sang, da wilde Tiere und flinke Hirsche,
ja sogar am Berghang die hohen Bäume
     tanzten zum Liede.

Hast du doch geruht‚ übers Meer zu fahren,
freudig kamst du nach Latium aus Hellas,
deine Musen mit dir, und gnädig lehrtest
     du deine Künste.

Komm, so beten wir, drum zu unsern Küsten,
Wie Italiens Lande du einst besuchtest;
mag Barbarensprache dann fliehn, und alles
     Dunkel verschwinden.

Deutsch von Harry C. Schnur, in: Lateinische Gedichte deutscher Humanisten. Lateinisch-Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2015 (3. Aufl.), S. 55