Venezianische Epigramme 12

Johann Wolfgang Goethe

Erste Fassung, 1790

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen
  Immer schliest sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt sich mein Haupt in ihrem Schoos und ich blicke
  Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» – Schölte mich einer. »Wie so verbringst du die Tage?«
  Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur wie mir geschieht.
Allen meinen Freuden hab ich den Rücken gekehret.
  Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen umher.
Vetturine trozzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer
  Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten
  Postillone sind Herrn! Dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht, du widersprichst dir! du schienest
  Paradiesisch zu ruhn, ganz wie Rinaldo beglückt![«]
Ach ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen
  Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.

Vetturine: Lohnkutscher

Kämmrer: (camariere) Kellner

Meister der Posten: ital. maestro di posta, Postmeister

Dogane: Zollbeamte

Rinaldo: Figur aus Torquato Tassos „Befreites Jerusalem“

Noch ein Gedicht mit Knie

Christian Morgenstern

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wär’s ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.

(Morgenstern, der alte Fuchs, spottet über Literaturwissenschaftler und Lehrer, die fragen, wofür das Knie steht. Als könnte ein Knie ohne Fuß „stehen“. Ein Knie geht einsam durch die Welt. Es ist ein Knie, sonst nichts! Ermunterung für Schüler.)

Thomas Böhme: Zwei Gedichte

KEINE ERSTEN SÄTZE MEHR, sie
machen das Gedicht zur Schnecke
flößen ihm das Gift der Herrscher,
ihren Rhythmus, ihre Ordnung,
erst der Leitwolf, dann die Meute,
traben, traben, Mond anheulen!

Nicht mehr diese schweifgeschmückten
Sätze, eitel wie Kometen,
die auf ihren grellen Bahnen
sich berauschen, Kurtisanen,
denen schafsfromm naachzusteigen
sich bleiche Schwärmer nicht entblöden.

Keine aufgeblasenen Parolen,
die gierig den Refrain begehren,
Reime, Reime, Schneckenschleime,
nicht mehr Namen wie Fanfaren,
_ Jahreszeiten, stolze Orte
und Wappentiere auf entrollten Fahnen.

Thomas Böhme: Nachklang des Feuers. Gedichte 1998-2004.Illustrationen von Gino Hahnemann. Berlin: Galrev, 2005, S. 16

EIN GEDICHT OHNE AUGEN
ist so gut wie gar kein Gedicht,
es sei denn, es ist ein Gedicht
mit Mund aber ohne Augen,
oder es ist ein Gedicht
mit Ohren, wenn schon
ohne Mund oder Augen.

Und ein Gedicht ohne Gesicht
ist nur dann ein Gedicht,
wenn wenigstens Hals oder
Rumpf oder Schultern,
Nabel, Brustwarzen oder das
stolze Geschlecht das Gedicht
zum Gedicht machen.

Und schon gar nicht ist
ein Gedicht ohne Leib und
Gesicht ein Gedicht, wenn nicht
Hand oder Fuß oder Schenkel
es erhöhen. Überhaupt ein Gedicht
Ohne Knie, stell dir vor,
ein Gedicht ohne Knie!

Ebd. S. 17

Ana Blandiana PASTELL / MEIN LAND VON DEN FRÜCHTEN VERLASSEN

Ana Blandiana

PASTELL

Mein Land, von den Früchten verlassen,
Von den Blättern verlassen,
Von den Trauben verlassen,
Die in weiser Voraussicht in den Wein emigrierten,
Mein Land, von den Vögeln verraten,
Die eilends davongeschwirrt sind
Am verletzten, noch heiteren Himmel.

Auf ewig beschwichtigtes Land,
Duftend nach Gräsern,
Die gemächlich verdorren unter der Sonne,
Gläubige Spinnen
Verfertigen weißen Mull,
Um die Stellen des Laubs zu verbinden,
Die leer geblieben sind.

Nachts bringen die reifen Sterne
Deinen Himmel zur Gärung,
Und der Wind bläst bei Tage
Heftig und bitterlich.
Deine Stunden werden gemessen
Von den fallenden Nüssen,
Und es erleuchten dich
Respektvoll die Quitten.

(nach: SOMNUL DIN SOMN. 1977)

Aus dem Rumänischen von Roland Erb

Lucian Blaga JOHANNES GEISSELT SICH IN DER WÜSTE

Lucian Blaga

JOHANNES GEISSELT SICH IN DER WÜSTE

(Ioan se sfâsie în pustie)

Wo bist du, Elohim?
Die Welt ist dir aus den Händen fort geflogen
wie die Taube Noahs.
Vielleicht wartest du noch heute auf ihre Rückkehr.
Wo bist du, Elohim?
Wir gehen verängstigt und unwillig herum,
in den Einöden der Nacht halten wir Ausschau nach dir,
wir küssen im Staub den Stern unter den Füßen
und fragen nach dir – Elohim!
Den schlaflosen Wind halten wir an,
forschen die Luft nach dir aus mit den Nasen,
Elohim!
Die fremden Tiere überall in der Ferne halten wir an
und fragen nach dir, Elohim!
Bis zu den letzten Grenzen richten wir unseren Blick,
wir die Heiligen, die Wasser,
die Straßenräuber, die Steine,
und den Weg zurück wissen wir nicht mehr,
Elohim, Elohim!

(1926. Nach: LAUDA SOMNULUI. 1929)

Aus dem Rumänischen von Roland Erb

Stefan Aug. Doinas DER VERDRIESSLICHE ENGEL

Stefan Aug. Doinas (1922 – 2002)

DER VERDRIESSLICHE ENGEL

(Îngerul îmbufnat)

In der Stille, die wüstenleer war und hanfgelb,
als ich bitter irrte durch äschernes Feld,
bin ich plötzlich erwacht, da ging neben mir mit
jener Erzengel fürbass, mit rüstigen Schritt.

„Ach Erleuchteter du – an Harzen reiche Instanz -,
aus deinen Flügeln verströme eine Substanz
an die Dinge: dass alle, erblühend ringsum
mit strahlendem Geist sich erfülln im Azur!
Ach, Großmütiger, der du alle Gnade kannst geben,
warum solltest du nicht die Grenze aufheben
am Himmel: dass, wieder ins Licht gewendet,
sie Echo werden, wie sie’s zu Anfang gewesen…“

Aber er, mit dem bleiernen Flügel raschelnd,
mit irdischem Trippeln, kratzt aus der Asche
einen Garten aus Tränen mit seinen Nägeln.

Und ich wusste, mehr wird er niemandem geben.

(aus: VOLUPTATEA LIMITELOR)

Aus dem Rumänsichen von Roland Erb